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‘La France’ und die Frage nach dem Klassentyp der Hybrid Tea (»Edelrosen«)

»Ein starres Bild von Rosen
malt kein Rosenbild.«

– Gedankensplitter

[Quintessenz: »Edelrose« und »Hybrid Tea« sind als Begriffe nicht beliebig einsetzbar oder austauschbar. Der eine lässt sich durch den anderen nicht einfach ersetzten. »Edelrose« ist eine verkümmerte Anlehnung an ein Erbe, welches der zweite Begriff auszudrücken versucht: »Hybride von …«. »Edelrose« ist ferner ein Begriff im deutschsprachigen Raum. Die Aussage, ‘La France’ ist die erste Edelrose, ist demnach in vielfältiger Hinsicht falsch. ‘La France’ war ein Zufallssämling aus Frankreich – und die Franzosen kennen keine »Edelrosen«; insbesondere nicht im Jahr 1867, dem Einführungsjahr dieser Rose. Eine »Hybrid Tea« mag ‘La France’ sein. Genaueres aber wissen wir nicht, denn die Eltern dieser Sorte sind unbekannt. Was wir aber wissen ist, dass es gewiss nicht die erste ihrer Art war: Die älteren »Hybrid Tea« standen schon Anfang des 19. Jahrhunderts in den Gärten.

Wie also kann es sein, dass eine amerikanische Rosengesellschaft in 1966 für uns bestimmte, dass ausgerechnet diese ‘La France’ einen Wendepunkt in der Rosenkultur zeitigte? Einen Wendepunkt, der sodann mit zwei begrifflichen Ungetümen für die Rosenwelt in Stein gemeißelt wurde: Old garden rose und Modern roses, »Alte« und »Moderne« Rosen.

Es sind viele Wendepunkte in der Kulturgeschichte dieser Pflanze zu nennen, die in ihrer Bedeutung höher zu bewerten sind als das Einführungsjahr irgendeines Sämlings. Beispiele hierfür bietet dieser Text unten zu genüge. Das behutsame Fazit ist einfach: Die Unterteilung der Rosen in »Alt«, »«Modern? Es ist eine ziemlich papierene, austauschbare Definition, die von einer imaginären first Hybrid Tea ausgehend ohne Not über die Welt (fast) aller Rosen gestülpt wurde. Die »Wildrosen« blieben als »Rest« dieser Neuordnung – Gott sei Dank – verschont.

Neue Ordnungen schaffen neue Denkkategorien

In der Wissenschaft ist man bemüht, eine Neuordnung dann einzuführen, wenn sie aufgrund von (neuen) Erkenntnissen zweckmäßig oder notwendig erscheint. In der Regel sind auch die Begriffe einer wissenschaftlichen Neuordnung gut belegt und definiert. Diese beiden Leitgedanken einer Ordnung waren für die Neuordnung der Rosen nicht unbedingt grundlegend. Alleine die Wahl der neuen Ordnungsbegriffe gibt Rätsel auf: »alt« und »modern« sind derart von Konnotationen und Urteilen geprägte Begrifflichkeiten, so dass es mehr als fraglich erscheint, ob es sinnvoll sein kann, ausgerechnet solche Begriffe für eine Neuordnung zu wählen. Eine Neuordnung, die, so sei unterstellt, uns die Vielfalt der Rose übersichtlicher machen sollte, ohne sprachliche sowie ohne inhaltliche Barrieren.

Je mehr ich über diese Neuordnung nachdenke, desto entbehrlicher erscheint sie mir. Mehr noch: Ich halte sie für eine Geißel der neuzeitlichen Rosenkultur. Ohne diese Ungetüme einer vermeintlichen Ordnung ließe es sich besser leben, die Gärten und die Landschaft besser gestalten und der eigene Geschmack wäre mehr als je zuvor herausgefordert, sich selbst zu finden. Meine Empfehlung sei folglich hier vorweggenommen: Streichen Sie diese Neuordnung samt aller Spielarten auf dem Rosenmarkt aus Ihrem eigenen Denken. Ein Versprechen sei hinzugefügt: Sie bekommen dafür einen schöneren, freien Blick in die Vielfalt der Kulturgeschichte dieser Pflanze …]


Die Rose ‘La France’ wurde 1867 vom Franzosen Guillot in den Markt eingeführt. Guillot war ein Züchter alter Schule, die ihre Kreuzungen nicht dokumentierten. Die Eltern von ‘La France’ sind unbekannt; nach eigenen Angaben Guillots war ‘La France’ ein Findling, ein Zufallssämling aus einer Anpflanzung u.a. von Teerosensaatgut. Die gelegentlich kursierenden Elternsorten stammen nicht von Guillot selbst und sind nicht belegt. (…) Der Genotyp ‘La France’ ist bis heute unklar.

Der Begriff selbst – Hybrid Tea, Teehybride – wurde 1893 offiziell; eingeführt u.a. von der Londoner National Rose Society. Im freien Umlauf von Umschreibungen war er schon weit vor 1867: Kreuzungen mit Rosen aus der Klasse der »Teerosen« fanden frühzeitig die Bezeichnung »Hybrid Tea«.

In der neuzeitlichen Literatur wird die Entstehung der (genotypisch) ersten Teehybride auf Anfang des 19. Jh. datiert; Brent C. Dickerson, Gerd Krussmann, Francois Joyaux, William Grant u.a. recherchierten diesbezüglich. Genannt werden Sorten wie z.B. ‘Brown’s Superb Blush’, 1815, ‘Duc de Choiseul’, 1825, ‘Jaune Desprez’, 1826, Lamarque, 1830. Wer bei der letzteren stockt (es sei eine Noisette), versuche die von Grant aufgeführte und als »first Hybrid Tea« favorisierte ‘Adam’ (Frankreich um 1838). Die Bezeichnung der »Hybrid Tea« enthält demnach eine (damals wie heute) Vielzahl von Phänotypen und Sorten, die weit aus älter sind als die Sorte ‘La France’. Sie entsprechen möglicherweise kaum den Vorstellungen, was wir heute unter »Edelrose« zusammengefasst sehen wollen.

Wie sich das im Detail bei den einzelnen Sorten auch ausdiskutiert: die »erste« Hybrid Tea war ‘La France’ sicher nicht und »Klassentyp« heißt dann nicht, Teehybriden seien dem Typ nach wie ‘La France’, wenn wir Sorten in diese Klasse eingeordnet sehen wollen. ‘La France’ bestimmt weder als Phänotyp noch als Genotyp diese Bezeichnungen »Hybrid Tea, Teehybride«.

‘La France’ ist ein zierlicher Strauch und der Altmeister Wilhelm Kordes II. sah in ‘La France’ eher einen »Prototyp«; als unmittelbare Vorläufer der »Teehybride« aber gleich mehrere Rosen: ‘Lady Mary Fitzwilliam’ (Bennett, 1883), deren Nachkommen ‘Mme. Caroline Testout’ (Pernet-Ducher, 1890) und ‘Kaiserin Auguste Viktoria’ (Lambert, 1891) sowie die »erste« gelbe Teehybride ‘Soleil d’Or’ (Pernet-Ducher, 1900).
[Siehe zu Kordes auch: Roswitha Raufuß, Die Rose ist nicht namenlos, 2008, S.107.]

Seit der Neuordnung der Rosen durch die American Rose Society (ARS) in 1966/67 kursiert ‘La France’ als vermeintlich eindeutige Schnittlinie zwischen den eingeführten Gruppenbegriffen »Alte und Moderne Rosen«. Die ARS definierte kurzerhand zeitlich, dass ‘La France’ wohl die erste »Hybrid Tea« sei, diese Rose selbst einen Wendepunkt in der Rosengeschichte markiere und die Neuordnung Sinn mache, alle Rosenklassen, die vor ‘La France’ bekannt waren unter »Alt (Historisch)« zusammenzufassen, Rosenklassen indessen, die nach ‘La France’ auftauchten unter der Gruppe »Moderner Rosen« zu versammeln. Unvermittelt wurde ‘La France’ zur »The First Hybrid Tea« und bildete die Trennlinie zwischen »Alt« und »Modern« einer neuen Ordnung der Rose.
Die Rosensorte ‘La France’ wird seit dem gemeinhin als »Wendepunkt« von »Alte Rosen« zu »Moderne Rosen« interpretiert. Eine recht willkürliche zeitliche Festlegung der Bezeichnung »Hybrid Tea« mit einer nicht weniger willkürlich abgeleiteten Neuordnung der Rose zeitigte eine recht starre Sichtweise auf die Geschichte nicht nur der »Hybrid Tea«. »Wendepunkte« gab es in der Rosengeschichte viele.[1]

William Grant schreibt in diesem Sinne:

I think 1945 is as good a year to choose to mark the line between old and new roses. Peter Beales thinks that 1939 is better. And Brent Dickerson would choose 1920. But I stick to my choice as the dramatic rise in rose sales after WWII brought in its wake all kinds of new roses and soon afterwards a revival of the heirloom ones.

Ich darf mich in diese Suche von namhaften Experten nach irgendeiner »Trennlinie« einmal frech einreihen: Lasst es doch einfach sein! Diese herbeigeredeten Konstrukte irgendeines »historischen Wendepunktes« in der Kulturgeschichte der Rose. Nur um derlei auch noch mit diesen beschwerten und abgenutzten Vokabeln rund um »alt« und »modern« weiterhin betiteln zu können – und offenbar zu wollen. Solche Vokabeln sind wie die Konstrukte selbst: stets beliebig, sinnfrei und nutzlos für die Kultur dieser Pflanze.

Die zeitgenössische Rosenwelt lässt einen fragen, inwieweit »Teehybriden« (»Edelrosen«) von heute überhaupt noch dem alten Klassenbegriff »Hybrid Tea« entsprechen. »Teerose« finden wir in den Genen heutiger Sorten allenfalls in homöopathischer Dosis und im Phänotyp sind nicht wenige eher Strauchrosen als dass sie dem Bild einer »klassischen« Edelrose entsprechen; geschweige denn jenem vermeintlichen »Prototyp« ‘La France’. Was »klassenbildend« verstanden wird, unterliegt ohnehin der Geschichte, zu deren Verständnis die Neuordnung der ARS kein hilfreicher Beitrag war.

»Hybrid Tea, Teehybride« ist historisch und bis heute ein buntes Feld verschiedenartiger Genotypen und Phänotypen. Es ist ein Ordnungsbegriff, kein Eigenschaftsbegriff mit dem punktgenauen Maßstab ‘La France’.

Bewegt man sich schon allein derart grob durch die Geschichte der »Hybrid Tea« wird deutlich, dass jene Entscheidung der American Rose Society in 1966/67, die Einführung von ‘La France’ als Stichdatum und darüber die »Hybrid Tea« als Klassentyp auszuwählen, um alle Rosenklassen in zwei Gruppen einzuordnen, weder der Natur noch der Geschichte dieses Begriffs entnommen ist und bis heute Diskussionsstoff bietet, wie sich diese Neuordnung »Alt – Modern« über den simplen Ordnungsgedanken hinaus mit Inhalten konkretisiert. Diese Neuordnung nachträglich mit irgendwelchen sinnvoll erscheinenden Inhalten zu füllen, daran arbeiten sich die Rosenwelt seit Aufkommen dieser Neuordnung regelrecht ab. Anstatt das Pferd von vorne aufzuzäumen: Denn dieses Begriffspaar war keine notwendige Festlegung und so lässt es sich schwer eindeutig machen, warum ausgerechnet die Bezeichnung »Hybrid Tea« und als deren vermeintlicher Klassenvertreter ‘La France’ eine neue Ordnung der Rose begründen sollten, die wir zu verwenden hätten. Zweckdienlich für einen besseren Überblick über die Vielfalt der Rose mag diese Neuordnung dem ersten Augenschein nach sein, sachdienlich für ein Verständnis der Rose und deren Geschichte ist diese Neuordnung nicht.

Das beste Szenario, was durchaus denkbar ist: diese Neuordnung hätte sich nicht durchgesetzt und wäre wieder für alle Zeiten in irgendeiner Schublade der Theorie verschwunden als unsinniger Entwurf einer Neuordnung der Rose.

Nun aber hat die Rosenwelt diese Begriffs-Ungetüme – und es bleibt den Rosenliebhabern nur eines: Diese Neuordnung für die eigene Rosenkultur als entbehrlich zu betrachten. Streichen Sie experimentell diese Neuordnung aus Ihrem Denken, entdeckt sich die Geschichte der Rose und deren Vielfalt mit Kinderaugen. Wunderbar erfrischend.

Ordnungen schaffen Denkkategorien und Maßstäbe, welche unseren Blick auf die Welt nicht nur der Rose prägen und beeinflussen. Man möge sich also die Rosenwelt durchaus einmal vorstellen ohne diese beiden Gruppen-Begriffe der American Rose Society.
Ein zweites Gedankenexperiment sei ebenfalls lehrreich: Stellen wir uns einmal vor, die ARS hätte damals anstatt der »Hybrid Tea« einen anderen Begriff aus der Rosengeschichte für ihre Definition der Gruppen ausgewählt. Oder nicht weniger reizvoll: Theoretiker des 19.Jahrhunderts wären der ARS vorweg gekommen und hätten uns solcherart Sammelbegriffe kulturgeschichtlich zur Deutung überlassen. Wir sprechen ja von einem Jahrhundert, in dem der Anstieg der Sorten explosionsartig war und die Bezeichnung der Rosenklassen war nicht einheitlich im Gebrauch. Das Bedürfnis nach einer Übersicht über die Vielfalt dürfte nicht kleiner als in den 1960 Jahren gewesen sein. Gründe für eine, für ihre »zeitgenössische, moderne« Neuordnung der Rose hätten die Theoretiker des 19.Jahrhundert zu genüge gehabt …[1]

[1] Neue Ordnungen — neue Denkkategorien

Anstatt »Hybrid Tea« einmal »China-Rosen« oder »Remontant-Rosen« als Wendepunkt definieren …

Denkbare andere Daten und Klassen, um derartige Gruppenbegriffe der ARS zu bilden, sind z.B.: Die Einführung der China-Rosen (mehrmals eingeführt; wenigstens vor 1800), welche die europäische Rosenzucht und Rosenkultur  — weitaus stärker noch als ‘La France’ — grundlegend veränderten. Diese importierten Chinarosen waren »alte Gartenformen«, seit Generationen im asiatischem Raum in Kultur. »Neu« waren sie und ihre Eigenschaften nur für den europäischen Rosengärtner.

China-Rosen muten in ihrem Charakter damals wie heute derart an, dass sie sich hinsichtlich ihrer Eigenschaften (Blütenfarben, Strauchform, wiederholtes Blühen, Duft) auffallend von den europäischen Formen unterschieden. Sie erregten Aufsehen und sie waren die Grundlage einer neuen Ära der Rosenzucht, sowohl im europäischen als auch – über Importe europäischer Rosen – im asiatischen Raum.

Ihrer Bedeutung gerecht werdend, wird ihr Einkreuzen mit den europäischen Gartenformen gelegentlich für eine Zweiteilung der Gruppe »Alte Rosen« bemüht: als sogenannte Untergruppen aller Alter Rosenklassen vor und nach der Einkreuzung der China-Rosen. Jedoch: Die China-Rosen nur für diese Unterteilung einer ohnehin fragwürdigen Rosengruppe namens Alte Rosen?

Der Gedanke ist nicht abwegig, dass die Systematik (sagen wir hier Ende) des 19. Jh. (oder Anfang des 20. Jh.) alle  Rosenklassen Europas, die vor der Einführung der China-Rosen schon bestanden, als »Alt« oder »Historisch« hätten bezeichnen können, einschließlich natürlich der »alten« China-Rosen selbst, um alle anderen Rosenklassen indessen, die durch die Einkreuzung der China-Rosen damals erst entstanden sind, als »Modern« zusammenzufassen. China-Rosen, Damaszener-Rosen, Gallica- und Alba-Rosen usw. wären weiterhin »Alte Rosen« (ganz nach unserem heutigen Verständnis), Noisette-Rosen, Bourbon- und Remontant-Rosen usw. aber wären »Moderne Rosen« dieser fiktiven Klassifikation des 19. Jh.. Mit diesem Begriffspaar müssten wir heute, rund 100 Jahre später, umgehen. Die American Rose Society hätte 1966 gewiss eine andere (oder keine) begriffliche Lösung ihrer Neuordnung der Rose finden müssen (…) In jedem Fall würden wir uns heute anderer Denkkategorien und Maßstäbe bedienen, um Rosen zu ordnen und zu vergleichen. Es wäre dann das Ergebnis einer möglichen Ordnung.

Neben den China-Rosen böte sich auch die Entstehung und Einführung der »ersten« Remontant-Rosen an, um dieses Begriffspaar »Alt« und »Modern« einer Ordnung zu bilden, meinethalben als Ausgangssorte die ‘Gloire des Rosomanes’ von Plantier (1825 von Vibert eingeführt) oder ‘Princesse Hélène’ 1837’ und ‘La Reine’ 1842, beide von Laffay, wenn man unbedingt meint, stets eine »erste« unter vielen finden zu müssen.

Remontant-Rosen zeigen als Phänotyp am deutlichsten die Verbindung von europäischen und asiatischen Formen: im Habitus, in den Farbspektren und Blütenformen, im »Remontieren«. Ein zugleich genetisches Gemenge aus den Rosenklassen Europas und den neu eingeführten China-Rosen Asiens; genotypisch und phänotypisch Rosen aus allen damals bekannten »alten« Rosenklassen des europäischen und asiatischen Raums.

Remontant-Rosen könnten — damals schon denkbar, oder halt erst 1966 — per Definition durchaus als der neuen Gruppe »Moderne Rosen« zu zuordnend verstanden werden — als gesetzte genotypische und phänotypische Trennlinie; wie die »Hybrid Tea« halt heute. Wir würden freilich per Definition heute behaupten: »Remontant-Rosen sind die ersten Modernen Rosen ...«

»Alt« und »Modern«? Eine überflüssige Ordnung. Gleichgültig, ob im Sinne der ARS oder im Sinne dieser fiktiven Neuordnungen. Gerade Striche, gemalt mit dem Lineal beliebiger Definitionen, gehören nicht in der Geschichte der Rose. Man radiere sie einfach sauber weg. Die durch Konnotationen belegten Begriffe »Alt« und »Modern« tragen noch weniger für einen verbesserten Überblick über die Vielfalt der Rose bei. »Alte Rosen« existieren nur in Ihrem Kopf. Das »moderne« Züchter diesen Begriff lieben, sei schon Grund genug, ihn kritisch zu lesen.

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