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Die Ordnung der Rosen – Rosen­klassifikation und Rosenmarkt

Der Rosenfreund möchte keine
stärkere formale Differenzierung, sondern
die Vielfalt
sinnfällig geordnet sehen.

– Eckart und Fritz Haenchen, Rosengarten Dresden.

Man sollte alles so einfach wie möglich sehen
– aber auch nicht einfacher.

– Albert Einstein

Blüten von ‘Dames de Chenonceau’ und ‘Troilus’ ‘Dames de Chenonceau’, ‘Troilus’ (gelb): »Romantische Rosen« und Co. im Vorbild der sogenannten Historischen Rosen?

‘Gloire des Rosomanes’ ‘Gloire des Rosomanes’, Plantier (Vibert) 1825 – frühe Remontant-Rose. Eine denkbare Alternative zu ‘La France’, Guillot 1867, für eine (zeitliche) Neuordnung der Rose?

‘Royal Celebration’ ‘Royal Celebration’, moderner Strauch: Wie eine alte Samtrose. Zwar keine »Nostalgie-Rose«, im Vorbild aber »alt«?

‘Laura Ford’ Früchte von ‘Laura Ford’, »Kletternde Zwergrose«. Klassenname als Kuriosum: Welchen Gehalt haben Ordnungsbegriffe?


[Quintessenz: Das Kauderwelsch des Rosenmarktes selbst verstehen lernen … man sieht nur, was man weiß [Goethe] …]

Inhalt


Die Aufgaben und Grenzen sinnfälliger Ordnungen

Die World Federation of Rose Societies (WFRS) verbindet Rosengesellschaften aus 41 Länder und machte sich zur Aufgabe, to establish a uniform system of rose classification (WFRS [About Us]). Jedoch besteht ein solches einheitliches, international verbindliches Klassifikationssystem der Rose (bekanntlich) nicht! Neben der Ordnung der WFRS bestehen national und institutionell unterschiedliche Ordnungen, welche offiziell Geltung haben und im Gebrauch sind. Gemeinsam ist allen diesen Ordnungen nur eines: Sie werden der Vielfalt der Rose gerecht, indem sie sehr umfangreich, formal differenziert und detailfreudig sind. (…)

Für den Rosenmarkt aber sind diese komplexen Ordnungen nicht zu gebrauchen. So wäre es kaum ein Dienst am Kunden, würde eine Rosenschule das eigene Sortiment präzise in der Ordnung der WFRS aufführen (rund 40 Rosenklassen), während sein Kollege es für zweckdienlicher hielte, die American Rose Society (ARS) zu bemühen (rund 60 Rosenklassen). Beide Rosenschulen böten gewiss formal korrekte Inhaltsübersichten, die aber weit davon entfernt sein dürften, eine Serviceleistung zu sein. (…)

Der Rosenmarkt braucht sinnfällige Übersichten, welche – ganz im Sinne von Eckart und Fritz Haenchen – die Vielfalt der Rose vereinfacht darstellen sollen, um sie für Rosenfreunde zugänglicher zu machen. Wir finden diese Ordnungen in der Literatur, in den Handkatalogen der Rosenhäuser und in der Internetpräsenz der Rosenschulen.
Natürlich erfinden alle diese verschiedenen Ordnungen das Rad nicht neu: die jeweiligen institutionell vorgegebenen und als verbindlich angesehenen Klassifikationssysteme (z.B. der WFRS) sind grundlegend, wenngleich es auf dem Rosenmarkt die Regel ist, dass nicht deutlich gesagt wird, welches Klassifikationssystem benützt wird.

Dass Rosengärtner/-innen den Überblick verlieren könnten, zeigt folgender Ausschnitt der verwendeten Ordnungsbegriffe der Institute:

Klassifikationen …

… für allerlei Rosen

Neben diesen Anwendungen von Klassifikationen finden wir auf dem Rosenmarkt ergänzende Übersichten, die ohne einen Bezug auf eine formale Klassifikation Ordnung in die Vielfalt bringen sollen, zum Beispiel:

Eine Übersicht einiger der verwendeten freien Ordnungsbegriffen des Rosenmarktes:

Rosenmarkt …

… und sinnfällige Ordnungen


Wir können aus diesem Sammelsurium von Ordnungsbegriffen, welche Verwendung auf dem Rosenmarkt finden, vier Ebenen gut unterscheiden:

  1. Praxisorientierte Ordnungen: Rosen sortiert nach einer möglichen Verwendung (Rosen für Hecken usw.) und/oder nach einer Eigenschaft (Rosen nach Blütenfarben usw.).
  2. Formale Ordnungen: Rosen sortiert nach Ordnungsbegriffen institutioneller Klassifikationen (z.B. des WFRS oder der ARS: »Portland-Rosen, Zwergrosen, Floribunda, Historische Rosen«).
  3. Hauseigene Ordnungen: Rosen sortiert nach großen Rosenhäusern (Delbard-Rosen usw.) und deren (frei erfundenen) Rosen-Reihen (Märchenrosen usw.).
  4. Hausgemachte Ordnungen: Rosen sortiert durch (gleichfalls frei erfundene) Kunstbegriffe (z.B. Romantik-Rosen) sowie deren freie Kombination mit Klassifikationsbegriffen (Klassifikationsbegriff: Moderne Rosen kombiniert mit einem Kunstbegriff: Nostalgie-Rosen wird zu: Moderne Nostalgie-Rosen).

Man mag fragen: Ist es nicht erstaunlich, dass wir in diesem Sammelsurium von Ordnungen überhaupt noch Rosen auf dem Rosenmarkt finden?
Möglicherweise ist es unser Fleiß, der uns fündig werden lässt, indem wir uns – zeitgemäß – durch alle diese Wortgeschöpfe per Maus und Tastatur hindurch klicken …

Das Kauderwelsch des Rosenmarktes verstehen lernen …

Nicht nur die Vielzahl der verwendeten Begriffe, sondern deren unterschiedliche Aussagekraft – einerseits von definierten institutionellen Begriffen und anderseits von frei erfundenen Kunstbegriffen sowie die recht beliebigen Kombinationen beider – machen es Rosengärtnern/-innen wahrhaft nicht leicht, den Überblick zu behalten: bald ein jeder, der Rosen verkauft, züchtet oder sich mit ihnen theoretisch beschäftigt, bietet eine eigene Ordnung an.
Es ist ein babylonischer Rosenmarkt! Und doch – irgendwie – finden wir uns zu recht?

Wenn wir uns jedoch selbstkritisch befragen: Die Komplexität der verwendeten Begriffe überfordert und oft genug verstehen wir nicht, was die verwendeten Begriffe des Rosenmarktes eigentlich meinen. Oder können Sie Rosenfreunden/-innen den Unterschied der Ordnung »romantische Rosen« und »nostalgische Rosen« erklären? Wie ist es mit dem Begriff »Kletternde Zwergrosen« — ein Kunstbegriff oder doch ein definierter formaler Ordnungsbegriff? Und wüssten Sie den Unterschied zwischen Grandiflora, Floribunda, Polyantha und Beetrose zu sagen? Und wie ordnen sich Edelrosen da ein? Was halten Sie von der Verwendung Kleinstrauchrose [Thomas Proll], anstatt »Bodendeckerrose«? Was meint Rambler, was Kletterrose, was Climber – und was (um alles in der Welt) Ramblerkletterrosen[*]? Ist eine »Renaissance-Rose« etwas anderes als eine »Englische Rose« – und was haben beide mit »Alten Rosen« zu schaffen?

Derlei Fragen genug: Wir üben uns viel zu oft in freier Assoziation! Und es wäre doch wunderbar nützlich, würden wir dieses – mit Verlaub – Kauderwelsch des Rosenmarktes besser verstehen.


[*] Kurze Anmerkung: Diesen und solcherart Begriffe finden sich tatsächlich auf dem Markt. Warum dann nicht gleich Ramblerkletterclimberrosen? Es wäre genauso sinn-frei …
Romantische Nostalgierosen zum Träumen ist bald rührselig; der Erfinder weiß offenbar keine rechte Steigerung mehr, um sich auf dem Rosenmarkt kenntlich zu machen …
Alte, Englische Rosen ist ebenfalls ein furchtbares Gemenge unterschiedlicher Begriffe und deren Bedeutungsebenen, insofern – wie üblich in dieser Konstellation – mit alt hier nicht die ersten Sorten aus den 70er Jahren dieses Züchters gemeint sind, sondern die Gleichsetzung eines konstruierten Typus der Alten Rose mit dem Zuchtprogramm und den Zuchtergebnissen dieses Mannes. Es ist beachtenswert, wie Austin bald zeitgleich mit der Erfindung des Begriffs Alte Rose (ARS 1966-67) den Begriff der Englischen Rose (1969) für sein Zuchtvorhaben einführte und diese Begriffe über seine Vorlieben für bestimmte Eigenschaften überlieferter Sorten mit seiner damaligen Handvoll eigener Sorten schon früh auf dem Markt erfolgreich verknüpfte – mit Gespür auf der Höhe der Zeit …
Dergleichen Wortungetüme sollten keinen Platz in unseren Köpfen finden; sie gehören belächelt und mitunter heftig kritisiert. Denn wie kann es sein, dass bald ein jeder nach Belieben unsere Rosen verklausuliert?

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Man muss die Dinge so tief sehen, dass sie einfach werden.

[Konrad Adenauer]

Weder die komplexen Klassifikationen der Institute, noch die sinnfälligen Ordnungen des Rosenmarktes sind einfach zu lesen. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Ein Vorteil z.B. formaler Ordnungsbegriffe ist gewiss ihr Anspruch, neutral zu sein: die Rosenklassen stehen ausschließlich stellvertretend für Rosen, wobei die Namen unterschiedliche Bezüge ihrer Entstehung aufzeigen, z.B. Geschichte (Portlandrosen), Verwandtschaft (Rugosa-Hybride), Herkunft (China-Rosen), Verwendung und Eigenschaft (Kletternde Zwergrosen). Die Namen selbst verraten uns zwar wenig, welche Rosen diese Ordnungsbegriffe versammeln und welche Eigenschaften die jeweiligen Sorten haben. Wir können aber davon ausgehen, dass die Zuordnung von Rosen in Klassen bei den institutionellen Klassifikationen nach (weitgehend) objektiven Maßstäben erfolgt.

Bei den Ordnungsbegriffen sinnfälliger Art des Rosenmarktes zeigt es sich, dass die dort zusätzlich verwendeten Begriffe nicht alleine Rosen vertreten, sondern z.B. auch Rosenhäuser, Verkaufsinteressen, Vorlieben und Geschmäcker oder bevorzugte Verwendungsmöglichkeiten. Hier bedarf es einer zusätzlichen Lesart der Ordnung. Denn es macht Sinn, beide Ebenen unterscheiden zu lernen.

Ganz im Sinne Adenauers: die Vielfalt der Rose und ihre Ordnungen werden überschaubar, wenn man sich mit ihnen auseinandergesetzt hat. Keine formale oder noch so sinnfällige Übersicht kann uns diese Arbeit abnehmen. Da müssen wir schon selber ran (…)

Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.

[Albert Einstein]

Ordnungen gleich welcher Art, ob formal oder hausgemacht, vereinfachen die Vielfalt der Rose immer schon, denn jeder einzelne Ordnungsbegriff steht stellvertretend für eine Vielzahl unterschiedlichster Rosensorten. Die Aufgabe, Stellvertreter zu sein, zeigt sich darüber bei den verwendeten Ordnungsbegriffen erstaunlich unterschiedlich – einige Beispiele:

Diese Beispiele genügen, um zu zeigen, dass Ordnungen und deren Begriffe interpretiert werden müssen; Ordnungen bieten grobe Wegmarken für eine erste Orientierung in der Vielfalt der Rose – mehr nicht.
Das Gemeinsame aller dieser Begrifflichkeiten ist: Es sind Sammelbegriffe – einzelne Rosensorten versammelt unter einem Begriff. Und die erfinden wir sozusagen alle selbst!


Drei leitende Fragen …

Ich möchte im folgenden drei Fragen beantworten:

Fangen wir mit der ersten Frage an, deren Antworten wunderbar den Zusammenhang zwischen der Natur der Rose und unserer Kultur der Rose aufzeigen. Denn die Vielfalt an Sorten, die uns die Rosenzucht der vergangenen 200 Jahre schenkte, verdankt sich der naturgegebenen Eigenschaft der Rose, bereitwillig und gerne »Partnerschaften« einzugehen. Eine Eigenschaft, die in der Natur in diesem Umfange keineswegs selbstverständlich ist und staunen machen kann!
Nicht die Rosenzucht alleine, vielmehr die Rose selbst erklärt uns die Vielfalt von tausenden von Sorten …

Die zweite Frage liegt eher in der Natur des Menschen, in der Geschichte der Rosenzucht im besonderen und in der Tatsache, dass wir die Natur der Rose bis heute – trotz aller Wissenschaftlichkeit – noch nicht gänzlich verstanden haben.
Möglicherweise aber, dies sei nur angemerkt, liegt hierin auch ein Grund für den Zauber und für das Geheimnisvolle und nicht unmittelbar Greifbare, was die Rose für uns bis heute symbolisiert und was uns bei ihrer Betrachtung – nicht allein in der Poesie der Rose – stets erneut gegenwärtig wird und uns anzieht.

Die dritte Frage möchte ich vorwegnehmend gleich hier beantworten: Ja, die Ordnungen des Rosenmarktes nehmen Einfluss auf unsere Rosenkultur; und dieser Einfluss des Marktes ist nicht immer der beste. Eine Kritik dieses Einflusses ist angebracht.

Zurück zur ersten Frage:

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Der Ursprung der Klassifikations­probleme I. – die Natur der Rose

Einigkeit besteht international alleine in der ersten Unterscheidung zwischen Art (den Wildrosen, die in der freien Natur entstanden sind) und Sorte (Gartenrose, Züchtung, Kreuzung). Uneinigkeit herrscht aber schon bei der Frage, welche Rosen reine Arten sind, welche Rosen Natur-Hybride (natürliche Kreuzungen von Arten in der Natur) oder Varietäten einer Art sind.
Varietäten einer Art können z.B. bei einer weiten territorialen Verbreitung einer Wildrose entstehen; die Art passt sich den unterschiedlichen Standortbedingungen als Variation an, zeigt sich darüber in verschiedener Gestalt (Phänotypen).
Eine Natur-Hybride entsteht, wenn zwei Arten z.B. im selben Verbreitungsraum vorkommen, durch (Insekten-) Bestäubung gekreuzt werden und samenechte Nachkommen aus dieser Kreuzung hervorgehen, welche wir dann als vermeintlich reine Art in der Natur entdecken.
Die Ordnung der Wildrosen zeigt somit ein breites Feld unterschiedlichster Rosen, deren genetische Herkunft nicht immer eindeutig ist.

Eine genetisch vollständige Entschlüsselung, ob eine Art, eine Natur-Hybride oder eine Varietät vorliegt, steht noch aus. Entsprechend schwanken die Angaben über die Anzahl der Wildrosen-Arten zwischen etwa 130 (nach der älteren Systematik von Alfred Rehder, 1863-1949, die bis heute Standard ist) und mehreren hundert Varietäten sowie Naturhybride. Wer sich für die Ordnung der Wildrosen eingehender interessiert: www.europa-rosarium.de (PDF-Datei).

Eine knappe Übersicht über einige Wildrosen und deren natürliches Vorkommen:

Rosa pimpinellifolia, Rosa lutea Rosa spinosissima, Rosa lutea (gelb)Europa.

Rosa nitida Rosa nitida(Nord-) Amerika.

Rosa gigantea Rosa giganteaAsien, China, Japan, Korea, Tibet.


Quelle Illustrationen Wikimedia: Rosa spinosissima, Rosa lutea, Rosa gigantea.

Weitere Arten:

Hinzu gesellen sich eine Vielzahl von Hybriden.
Für die eigene Gartenkultur ist das Problem der eindeutigen Unterscheidung einer (reinen) Art von deren Natur-Hybride und Varietäten gewiss nicht dringend zu lösen! Aber immerhin gibt dieses Problem einen Fingerzeig:

Besonders jener natürlichen Eigenschaft der Rosen-Arten, untereinander willig Kreuzungen einzugehen, verdanken wir unsere bunte Welt an Gartenrosen!

Denn diese Hybridisation der Wildrosen in der freien Natur macht vor, was wir nachahmen können: Wir kreuzen Rosen miteinander, bald beliebig aus aller Herren Länder, wir züchten neue Rosen!

Die Rosenzucht der letzten 200 Jahre brachte auf diesem Weg – grob geschätzt – 25000–30000 neue Rosen-Sorten hervor.

Unsere Rosenwelt wäre ärmer, wenn die Wildrosen nicht diese wunderbare Eigenschaft der Hybridisierung hätten!

Ein unvorstellbar großer Schatz, über den wir verfügen und welcher für jeden frei verfügbar ist. Ein Schatz, wenngleich er mitunter bezahlt sein will, doch Gemeingut ist wie auch kulturelles Erbe und für die formal unstrittige Unterscheidung sorgte: Rosenarten (in der freien Natur entstanden: die Wildrosen) und Rosensorten (unsere Kulturrosen). (…)

Eine erste, einfache und brauchbare Ordnung der Rose: Rosenarten und Rosensorten.

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Der Ursprung der Klassifikations­probleme II. – die frühe Rosenzucht

Obgleich die Wildrosen-Formen für die Rosenzucht die genetische Basis sind und bedeutend bleiben, ist die Vielfalt unserer Kulturrosen entstanden, indem die neuen Sorten mehr und mehr untereinander als Kreuzungspartner ausgewählt wurden.
Ein wichtiger Unterschied zur Hybridation in der Natur ist zu unseren Wahlpartnerschaften dabei der, dass mithin nicht der Zufall und die Evolution entscheiden, welche neue Genpartnerschaften erzeugt werden, sondern wir: die heutige Rosenzucht versucht, unter kontrollierten Bedingungen den Wunsch zu verfolgen, bestimmte, von uns bevorzugte Eigenschaften ausgewählter Elternrosen in den neuen Sorten zu vereinen. (…)
(Zur Unterscheidung Wildrosen und Kulturrosen, siehe auch: Rosen und Kultur – ein Beispiel)


Standards in der Rosenzucht damals und heute

(…) Ist es in der heutigen Rosenzucht Standard, die Elternrosen für eine Kreuzung gezielt auszuwählen und zu dokumentieren, entstanden die neuen Sorten des 19. Jahrhunderts überwiegend aus einer Rosenzucht, die unklar ließ, welche Eltern die Neulinge tatsächlich hervorgebracht hatten.

Fremdbestäubung und Selbstbestäubung wurden nicht konsequent verhindert. (…)

Anders gesagt: Wenn man nicht weiß, ob die Rose sich selbst befruchtet hat, oder eine Biene mit fremden Pollen am Werke war oder man selbst, ausgerüstet mit einem Pinsellein voll Pollen einer ausgesuchten Elternpflanze, na, dann kann man am Ende halt nicht sagen, welche Eltern das neugeborene Röslein wohl hat. Genetisch eindeutig waren und sind somit eine Vielzahl dieser frühen Rosen nicht und so war es für die Rosengärtner der damaligen Zeit nicht leicht, die Neulinge eindeutig zu klassifizieren. Denn das Wissen um die Eltern des Neulings sorgt für die Ordnung im Stammbaum (…) Ein einheitliches Klassifikationssystem bestand entsprechend noch weniger als heute und die frühe Rosenzucht verlief mit der Einführung neuer Rosenklassen parallel, so dass manche Sorten mit verschiedenen Namen schon in Kultur waren, bevor sie ihr Zuhause in einer (neuen) Klasse fanden. (…) Und so finden wir eine Vielzahl dieser Rosen des 19. Jahrhunderts damals und bis heute mal in dieser, mal in jener Rosenklasse eingeordnet. (…)
Obgleich viele der neuen Sorten leider über die Jahrzehnte verloren gingen[1], wuchs die Zahl der Sorten und Klassen von Generation zu Generation bis heute stetig. (…)
Das 19. Jahrhundert war der Beginn eines explosionsartigen Anstiegs der Sorten – ohne eine einheitliche Basis in den Verfahren der Rosenzucht und ohne eine einheitliche Klassifikation.[2] (…)

[1] Zum Beispiel der größte Teil der wunderbaren Sammlung von Remontant-Rosen des französischen Züchters Vibert oder gut 2/3 der noch bis 1890 in England kultivierten Portland-Rosen.

[2] Siehe dazu: Blütenbiologie und Rosenzucht.

(…) Obgleich die Eigenschaften von Rosen ein wichtiges, oft allein entscheidendes Kriterium für die Auswahl von Rosen ist, lassen die Namen der Rosenklassen nur bedingt einen Rückschluss darauf zu, welche Eigenschaften diejenigen Rosen haben, die wir in diesen Klassen eingeordnet vorfinden. Dies wird besonders deutlich in den Namen älterer Rosenklassen. Diese Rosenklassen ordnen die Vielfalt zwar, jedoch finden wir in den Klassen jeweils ein buntes Gemenge allerlei Rosen!

Die geläufigen Kurzbeschreibungen von Rosenklassen zeigen sich beim genaueren Hinsehen oft als unzureichend, um die Vielfalt der Rosensorten zu erfassen, welche die Klassenbegriffe beherbergen – oder versammeln. Denn diese Klassenbegriffe fußen nicht alleine und primär auf eine Definition von Eigenschaften von Rosen, vielmehr entstanden die Namen z.B. aus der Geschichte der Stammsorte, oder sie geben Auskunft über Verwandtschaftsbeziehungen oder sie sind – in der modernen Ordnung – aus zweckmäßig erscheinenden Erwägungen entstanden und nennen z.B. (irgend-)eine Verwendungsmöglichkeit (Kletterrosen, Beetrose, Flächenrose), wodurch alle diese unterschiedlichen Ordnungsbegriffe keine absolute, aber eine relative Orientierung über die Vielfalt der Rose bieten, auf der Basis unterschiedlicher Bedeutungsebenen.


Rosenklassen und deren Namen – Beispiele älterer Rosenklassen

Chinarosen, Bilderbuch für Kinder, Bertuch, 1795 Kupferstich China-Rosen, Bilderbuch für Kinder, Friedrich Justin Bertuch, 1795. Auf der Höhe der damaligen Zeit: Kaum eingeführt, fanden die neuen Rosen aus Fernost ihren Platz in der Literatur für Kinder (…)

Quelle Illustration: Wikimedia.

(…) In der frühen Zeit fanden Rosen ihren Platz in der Ordnung: nach Herkunft der Rose, z.B. Bourbon-Rosen (Kolonialrosen) als diejenigen Rosen, welche alle von einem Zufalls-Sämling einer Damaszener- und einer China-Rose abstammen sollen, welche auf der Île de Bourbon, heute die Insel Rèunion, als Hecken und Feld-Knicks von französischen Siedlern aufgepflanzt waren; Île de Bourbon war seit 1643 französische Kolonie. (…) Der Sämling wurde 1817 vom hiesigen Direktor der königlichen Gärten entdeckt, 1819 nach Frankreich importiert und für die Zucht eingesetzt. (…) China-Rosen benennt eine Rosenklasse unterschiedlichster Rosen, die mehrmals Mitte/Ende 18. Jh. und Anfang 19. Jh. aus China in Europa eingeführt wurden; es waren alte Gartenformen, in Asien selbst z.T. seit Jahrhunderten in Kultur. (…) Es ist ebenfalls ein Name nach der Herkunft der betreffenden Rosen. Der Name Teerose leitet sich entweder von einer Tee-Company ab, die weniger Rosen, vielmehr aber Tee importierte und Rosen in Teekisten aus Fernost nach Europa brachte; oder, so wird spekuliert, Teerose stammt vom Namen einer chinesischen Gärtnerei, Fa-Ti, aus dem über Fa-Ti-rose in England Anfang des 19 Jh. der Name Tea rose entstanden sein soll. (…) Da diese Rosen mehrmals eingeführt wurden, mag beides richtig sein. Eine Eigenschaft aber nennt dieser Name nicht: Teerosen duften also keineswegs alle nach Tee. (…)

Ruinen Paestum, Karte von Costantino Gatta, 1732. Reise einer Rose von Italien nach England, zu Ehren einer westfälischen Herzogin ‘Duchess of Portland’ genannt – und Begründerin einer neuen Rosenklasse: Portlandrosen Karte von Ruinen Paestum, Costantino Gatta, 1732

Quelle Illustration: Wikimedia.

Rosen-Geschichten

Karte der Ruinen Paestum, 1732

Ruinen Paestum, Karte von Costantino Gatta, 1732.

schließen (Ende Kurzinfo)

Portland-Rosen leitet sich ab von der Insel Portland, England. Die ehemals westfälische Adelsfamilie Bentinck erhielt 1689 den englischen Hochadelstitel Herzog von Portland (…) und man sagt, die Herzogin Margaret Cavendish-Bentinck (1715-1785), leidenschaftliche Kunst- und Naturaliensammlerin, habe von einer Italienreise (wohl um 1775) in Paestum , eine berühmte Ruinenstätte griechischer und römischer Baudenkmäler in der Provinz Salerno (etwa 70 km südlich von Neapel), eine Rose nach England gebracht. Der Herzogin zu Ehren wurde diese Rose ‘Duchess of Portland’ getauft und begründete in Folge die Portland-Rosen. Die Stammform war vermutlich schon eine komplexere Kreuzung aus einer Herbst-Damaszener-Rose, einer Gallica- und einer China-Rose. Sie ist bis heute in Kultur. (…)
Ferner waren aber auch die Eigenschaften von Rosen Kriterien für die Zuordnung, z.B. bei den Alba-Rosen (lat. alba, weiß). (…) Jedoch wissen wir, dass wir neben weißen Tönen auch rosafarbene, zart lilafarbene, allgemein porzellanfarbene Blüten finden und dass die Rosen dieser Klasse durch die Blütenfarben alleine nicht erfasst werden. (…) Bei der späteren Klasse der Remontant-Rosen war deren viel beachtete Eigenschaft einer verlässlichen, wiederholten Blüte namengebend. (…) Der genetische Stamm dieser Klasse war schon sehr komplex und beinhaltet alle damals bekannten Rosenklassen des europäischen und asiatischen Raums. (…)

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Namen der Rosenklassen verschiedene Quellen haben und auf unterschiedlichen Wegen entstanden; die Namen enthalten oft mehr Informationen über die Kulturgeschichte der Rose als über die Sorten selbst. (…) Die Stammformen der Rosenklassen sind genetisch z.T. bis heute nicht eindeutig und somit umstritten. (…) Die einzelnen Rosensorten der Klassen streuen diese genetische Vielfalt noch weiter aus, indem verschiedenste Rosen aus anderen Klassen mit der Stammform gekreuzt und Rosensorten klassenübergreifend zunehmend untereinander gekreuzt wurden. (…) Die Zuordnung der neuen Rosensorten war weder damals mangels einheitlicher Zuchtverfahren und Klassifikationsverfahren deutlich, noch ist sie bis heute (morphologisch, genetisch) eindeutig gemacht. (…)

Wir finden somit in den einzelnen Rosenklassen genetisch, phänotypisch und gärtnerisch betrachtet eine Vielzahl unterschiedlichster Rosen. (…)

Sorten-Nummer Neue Floribunda, RT 04603, Tantau 2009/10, damals noch namenlos …

‘Hansestadt Rostock’ Die Rose zur Nummer: ‘Hansestadt Rostock’. Ein Beispiel für die immer komplexer werdenden Stammbäume …

Sport von ‘Hansestadt Rostock’ Neue Floribunda? Sport von Hansestadt Rostock, Peters 2011. Sorte bleibt wohl namenlos, trotz der hübschen, rein gelben Farbe …


Und diese steigende Komplexität der Stammbäume unserer Kulturrosen hält bis heute an.

Die moderne Klassifikation bevorzugt eine Zuordnung neuer Sorten zu Klassen, indem zwar die (komplexen) Stammbäume der Sorten berücksichtigt werden, jedoch eine hervorstechende Eigenschaft oder Verwendungsmöglichkeit neue Grundlagen der Zuordnungen werden. (…) Da vergleichbare Genotypen nicht zwingend vergleichbare Phänotypen hervorbringen und die Komplexität der Verwandtschaft der Sorten unüberschaubar geworden ist, ist diese neue Grundlage der modernen Zuordnung zweckmäßig. (…) Wir finden darüber mitunter dieselbe Sorte in verschiedenen Klassen eingeordnet und in den Klassen selbst ein buntes Gemenge allerlei Rosen; wobei die Regel gilt,

je umfassender der Ordnungsbegriff ist, desto uneindeutiger steht er stellvertretend für all die Rosen, welche er versammelt. (…)

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Die Unterscheidung Alte Rosen und Moderne Rosen – eine neue Ordnung

‘Gloria Dei’ ‘Gloria Dei’, für viele die Edelrose schlechthin.
The first Hybrid Tea: ‘La France’, Guillot, 1867?

Im Jahr 1966 entschloss man sich, möglicherweise einer besseren Übersicht willen, für eine Neuordnung der Rosen und aller damaligen Rosenklassen. Die Grundlage für diese Neuordnung war denkbar einfach, indem ein Datum aus der Geschichte ausgewählt wurde, 1867, es war das Erscheinungsjahr der Rose ‘La France’, einem Zufallssämling des Franzosen Guillot (fils), und entschied, dass ‘La France’ die erste Rose einer neuen Klasse sei: der Hybrid Tea (Edelrosen, wie wir im deutschen Raum etwas ungenau sagen). Dieses Stichdatum und die Klasse der »Hybrid Tea« bildete den Ausgangspunkt für die folgende Unterscheidung:

Alle Rosenklassen, die vor der Klasse der Hybrid Tea schon bestanden, seien als »Alte Rosen« oder »Historische Rosen« zusammenzufassen, die Klasse der Hybrid Tea selbst und alle folgenden Klassen indessen seien als »Moderne Rosen« zusammenzufassen.[3] Als dritte Gruppe gesellte sich die Gruppe der Wildrosen hinzu, so dass sich folgende Übersicht ergab:

Diese Ordnung der Rose ist folglich eine recht junge Ordnung und fasst verschiedenartigste Rosenklassen in großen Gruppen zusammen. (…)

[3] Wie in Stein gemeisselt, ist diese Neuordnung der Rose wohl nicht mehr aus der Welt zu bekommen:

In 1966, the American Rose Society defined an ‘Old garden rose’ as any rose belinging to a class which was in existence prior to 1867 (the year of introduction of the first Hybrid Tea).

– American Rose Society: Modern Roses XI, Tommy Cairns, London und San Diego, 2000, S. XIII.
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Neue Ordnung – Neue Denkkategorien

Diese drei Gruppenbegriffe erleichtern es uns in einem gewissen Sinne, mit der Vielfalt der Rose umzugehen. Statt alle einzelnen Rosenklassen aller Rosen aufzulisten, die etwa eine Rosenschule im Sortiment hat, kann z.B. vereinfachend der Gruppenbegriff »Historische Rosen« verwendet werden. Dies schafft Platz und sorgt für eine einfache Struktur und grobe Ordnung. Die Anzahl der einzelnen Sorten aus den älteren Rosenklassen ist bei der Rosenschule möglicherweise gering, z.B. führt diese Rosenschule aus der alten Klasse der China-Rosen gerade einmal eine Sorte: einen eigenen Link für diese Klasse mit einer Rose einzurichten, wäre doch recht unpraktisch! Durch die Verwendung des Sammelbegriffs »Historische Rosen« kann diese eine Sorte eindeutig zugeordnet werden, ohne dass die Inhaltsübersicht mit einem dutzend Klassenbegriffe überstrapazieren erscheinen müsste.

In diesem Sinne erleichtern es uns die Gruppenbegriffe auch, über Rosen zu sprechen, indem z.B. die Rosenklassen der letzten 150 Jahre in einem Begriff gefasst werden können: »Moderne Rosen«. (…)

Wir finden aber in diesen drei großen Gruppen keine Trennung von irgendwelchen Eigenschaften der jeweils dort versammelten Rosen! Das Ergebnis nämlich einer gärtnerischen Durchsicht der Sorten oder einer wissenschaftlich detailfreudigen Forschung waren und sind diese Sammelbegriffe nicht; wir finden weder gruppenspezifische Eigenschaften noch genetische Eindeutigkeit. Eine »Evidenz« aber – die einer Erklärung nicht bedürftig wäre – ist diese Neuordnung von Klassen zu großen Gruppen aber nun auch nicht!

Besonders die gewählten Namen Alt und Modern machen einige Schwierigkeiten, diese Neuordnung als das zu verstehen, was sie ist: eine mögliche, keine eindeutige Ordnung mit dem Ziel, die Vielfalt leichter handhaben zu können (…)


Die drei Variablen …

Die drei Variablen der Ordnung Wild – Alt – Modern:

Für die Bildung solcherart Gruppen wären durchaus andere Rosenklassen als die gewählte Klasse der Hybrid Tea denkbar gewesen (respektive namentlich die eine Sorte ‘La France’); z.B. wäre für die Bildung neuer Gruppenbegriffe die Klasse der China-Rosen oder die Klasse der Remontant-Rosen geeignet (und wohlmöglich gehaltvoller) gewesen, wodurch sich natürlich eine andere, jedoch im selben Sinne zweckmäßige Übersicht erstellen ließe.[4]
Diese Neuordnung von 1966 mit der Zugrundelegung der Hybrid Tea als Trennlinie der beiden Gruppen war nicht zwingend, nicht sachlich unumgänglich. Es war eine Neuordnung durch Übereinkunft.

Auch hätte man diesen Gruppen andere Namen geben oder deren Anzahl anders festlegen können. Denn es gibt keinen hinreichenden Grund, warum man nicht fünf Gruppenbegriffe eingeführt hat, statt bloß drei, die zwangsläufig recht grob bleiben. (…)
Schließlich wäre es auch denkbar, dass man diese Unterscheidung in Alt und Modern als unnütz hätte ganz ablehnen können. Und in der Tat sind diese Gruppenbegriffe international auch nicht einvernehmlich im Gebrauch! Es ist halt eine mögliche, keine zwingende Ordnung. Der Weltverband der Rosengesellschaften bedient sich zwar dieser Ordnung wie eine Vielzahl von Rosenschulen. Einige nationale oder institutionelle Ordnungssysteme aber führen diese Gruppenbegriffe nicht auf, wie der Verband britischer Rosenzüchter, und bei allen Rosenschulen werden wir diese Ordnung auch nicht wieder finden. (…)

In jedem dieser Fälle (oder Variablen) würden wir uns heute – dies sollten wir besonders berücksichtigen – anderen Denkkategorien bedienen, um uns über Rosen zu verständigen.
Ordnungen schaffen Denkkategorien.

Nun sind aber über alle diese Variablen hinaus diese drei Gruppen gebildet worden und bekannte sowie z.T. feste Bestandteile des (internationalen) Sprachgebrauchs. Und eben dies macht es zur Aufgabe, sie besser verstehen zu lernen.


[4] Weil diese Option eine recht umfangreiche Darstellung der einzelnen Rosenklassen erfordert, gehe ich an anderer Stelle darauf ein, siehe: Das Leid mit den alten, Englischen Rosen.
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Alt und Modern – eine einfache Ordnung?

Alt – Modern: eine neutrale oder objektive und eine begrifflich einfache Ordnung?
Oder wohlmöglich doch eher eine recht unglücklich gewählte Fläche für allerlei Assoziationen?
Denn: Ein Name ist doch ein Stellvertreter! Nur für was?

Es seien einige kritische Anmerkungen zu dieser Neuordnung gemacht, die zeigen mögen, wie schwierig es ist, über den anfangs zweckorientierten Ordnungsgedanken hinaus diese Gruppenbegriffe inhaltlich zu füllen und bei deren Verwendung Missverständnisse nicht aufkommen zu lassen, sondern auszuschließen.

Die größte Quelle von möglichen Missverständnissen liegt erfahrungsgemäß in den gewählten Namen für diese Gruppen, weniger in deren beliebigen Anzahl und deren taxonomischen Beliebigkeit. Die Namen der Gruppen Alt – Modern sind deswegen etwas unglücklich, erschweren sie doch unnötig, den Ordnungsgedanken im Blick zu behalten; denn diese Begriffe bieten eine recht freie, durchaus diffuse Fläche für Assoziationen und Konnotationen aller Art, die wir unberücksichtigt des Bezugs zur Rose zu diesem Begriffspaar schon haben; diverse Vorstellungen etwa, was modern und was alt sei. Es ist nicht leicht, diese Gruppennamen als eine mögliche, angebotene Ordnung zu verstehen, die neutral sein will, etwa im Sinne (terminologisch) neutraler Begriffe wie Gruppe I (Wildrosen) Gruppe II (Alte Rosen) und Gruppe III (Moderne Rosen). Solcherart sachliche Namen hätten den Aufgaben einer Klassifikation möglicherweise besser genügt. Taxonomisch freilich wären auch diese Gruppen weiterhin nicht objektiv, hätte man doch, wie erwähnt, auch eine andere Anzahl von Gruppen bilden können — oder keine …


Zwei zu unterscheidende Ebenen: Klassifikationsbegriff Alt – und die hübschen Namen der modernen Rosenreihen …

Wenn wir uns die geläufigen Namen der Rosen-Reihen renommierter Rosenhäuser von heute vor Augen führen – die allesamt nach 1966 entstanden sind – zeigt sich diese Fläche freier Assoziationen und Konnotationen zum Begriff Alt oder Historisch, die mit jenem Klassifikationsgedanken selbst nichts zu tun haben: Märchen-Rosen®, Renaissance-Rosen®, Nostalgie-Rosen®, Romantik-Rosen® usw.. Auch bei den weniger auffällig historisierten Namen ist ein diffuser Bezug zu etwas Historischem vertreten und gewünscht, wie bei den Reihen Generosa-Rosen® (Guillot, F) als die blühende Zukunft der »Historischen Rose«, die Rosen Parfum de Provence® (Meilland, F), die den Duft der »Alten Rosen« widerspiegeln, Englische Rosen®, deren Vorfahre die »Historischen Rosen« seien. (…)
Versuchen wir, diese diffusen Bezüge etwas klarer zu denken …


Die blühende Zukunft der Gruppe II …

Eine gute Übung, um zu verstehen, wie moderne Züchter ihre eigenen und hausfremde Rosen charakterisieren, indem sie sich eines Ordnungsbegriffs bedienen (Historisch, Alt), ist es, wenn wir diese Begriffe einmal ganz unbeeindruckt austauschen durch jenen – zugegeben – trockenen Begriff Gruppe II (für Alte Rosen):
Die blühende Zukunft der Gruppe II wären die Rosen von Guillot. Parfum de Provence® wären dann die Rosen, die den Duft von Gruppe II widerspiegeln und bei Austin finden wir gar die Nachfahren der Gruppe II.
Gruppe II? Wir hätten bei diesem recht sachlichen (und möglichen) Gruppenbegriff kaum mehr freie Flächen für Assoziationen aller Art und würden genauer nachsehen und nachfragen wollen, welche Rosen diese Züchter denn mit Gruppe II wohl meinen: alle Rosen, einige Rosen, bestimmte Rosen aus dieser doch sehr umfangreichen Gruppe II?
Welche Rosen finden wir überhaupt in dieser großen Gruppe II?

Die Begriffe historisch/Historisch und alt/Alt sind zwar leichter zu verwenden, nur sonderlich informativ sind sie nicht. Wenn man die freien Assoziationen zu »Alte Rose« streicht, bleibt sogar gar nichts übrig, was einer informativen Charakterisierung von Rosen entsprechen könnte. Denn »Gruppe II-Rosen« sagt uns über Rosen nichts – sowenig wie »Alte Rosen« (…)


Die blühende Zukunft der Gallica-Rosen …

Erstaunlich ist es, dass all diese Reihen offenbar seit den 70er Jahren die neu verfügbare Ordnungsbegriffe als Ausgang und Maßstab für die Charakterisierung ihrer Rosen nehmen, Ordnungsbegriffe, die ihre Entstehung doch einer gewissen Beliebigkeit verdanken und die verschiedenartigste Rosenklassen und natürlich die dazugehörige Vielfalt an Rosen zusammenfassen! Wir können kritisch und selbstkritisch nachfragen:
Mit welchen Namen hätten die modernen Rosenhäuser von heute wohl ihre Rosen-Reihen bedacht – und wie fänden wir heute Orientierung auf dem Rosenmarkt – wenn sich 1966 (neutrale) Gruppenbegriffe durchgesetzt hätten, die weder freie Konnotationen zu historisch noch zu modern erlauben? — Ordnungen schaffen Denkkategorien. (…) Wären die Gruppenbegriffe Alt — Modern 1966 abgelehnt worden, wären sie heute auch nicht Teil unseres Sprachgebrauchs. Den heutigen Rosenhäusern und uns Rosengärtnern blieben für die Charakterisierung und dem Vergleich von Rosen die überlieferten Namen der Rosenklassen und die einzelnen Rosensorten. Vielleicht würden wir heute bei Guillot die blühende Zukunft der Gallica-Rosen finden? Dies wäre für uns Rosengärtner gewiss hilfreicher, weil konkreter, wir könnten leichter vergleichen und kritisch verstehen lernen, welchen Anspruch die Moderne Zucht erhebt, wenn sie ihre eigenen Rosen und deren Eigenschaften auf eine bestimmte Auswahl hausfremder Rosen bezieht. (…)


Alte Rosen und … die Brötchen von gestern …

Offenbar schaffen neue Begriffe neue Denkkategorien und Maßstäbe, die 1966 nicht unbedingt gewünscht waren, und die zu durchschauen nicht leicht fällt, zumal dann, wenn es sich um Begriffe handelt, die in und aus anderen Bezügen schon gedanklich besetzt sind, wie halt alt – modern. Dickerson meint hierzu:

Wir sind nicht sonderlich begeistert von der Verwendung des Begriffes ›alt‹ im Zusammenhang mit Rosen; er suggeriert eine Vorstellung, die ebenso viele Menschen befremdet, wie anzieht. Es gibt Menschen, die die Nase rümpfen und sagen ›Alte Rose, wen interessiert eine alte Rose?‹, als würden sie über alte Schafe oder die Brötchen von gestern sprechen.[5]

[5] Brent C. Dickerson, The Old Rose Advisor, Vol. 1.


Rosen im Spiegel unserer Wahrnehmung – oder: Der antike Charme des Fortschritts …

Und in der Tat finden wir beides, wenn wir das Wort Alte Rose gebrauchen: das Befremdliche und das Anziehende. Denn schätzen wir etwas gering, sagen wir gerne, es sei alt, und meinen, es sei überholt, gar unnütz, nicht zu gebrauchen. Jedoch, sofern wir wohlwollend sind, erscheint es uns romantisch und das jeweilige Alte wird dann mit Charme gesehen. Wir mögen bei Rosen diesen Bezug von alt und Charme. Und Modern? Modern wird besonders gerne mit Fortschritt verknüpft! Und so finden wir den zweispurigen Anspruch der modernen Züchter wieder, die mit ihren Rosen ja nicht Plagiate des Alten anbieten wollen, sondern als moderne Züchter eine verbesserte Neuheit: Die möglichen Nachteile des Älteren machen wir schon besser! Den Charme aber der Alten Rosen bewahren wir am modernen Strauch … Die »ideale Rose«!
Mit jener Ordnung von 1966 und einem Verständnis von Rosen haben solcherart Vorstellungen freilich kaum mehr etwas gemein (…)


Charme ist keine Eigenschaft von Rosen – unser Geschmack ist schon längst Geschichte – die Ordnung aber bleibt …

Wenn wir ordnen, können wir sagen: Alte Rosen haben keinen Charme! Denn wie könnte für uns ein Sammelbegriff charmant sein? Alte Rosen nennt auch keine Eigenschaften! Denn welche Eigenschaften wären für diese Vielfalt unterschiedlichster Rosen spezifisch? Wir können auch sagen: Moderne Rosen meint keinen Fortschritt! Denn dann, wenn dieser Ordnungsbegriff dies mit einschließen wollte, wären die ersten Züchtungen die denkbar schlechtesten Rosen. So aber wollen wir die Alten Rosen nicht sehen! (…) Und so können wir sagen: Historischer Charme ist keine Eigenschaft einer Rosengruppe (einer beliebigen Ordnung), vielmehr ein Ausdruck unserer ästhetischen Wahrnehmung (einzelner Rosen). Unsere Wahrnehmung aber mag sich verändern, jeder findet – Gott lob – seinen eigenen Geschmack, wählt aus und zeigt sich darin geschichtlich. Die Ordnung aber bleibt: »Alte Rosen« ist und bleibt weiterhin ein Sammelbegriff von Rosenklassen mit einer Vielfalt unterschiedlichster Rosen. (…) Eigenschaften von Rosen nennen weder die Begriffe Alt, Modern noch Charme. (…) Und so sind Alt – Modern sowenig wie Gruppe II und Gruppe III Gegenbegriffe: Solcherart Begriffe ordnen als große Sammelbecken Rosenklassen, mehr leisten sie nicht. (…)
Es wäre Anlass genug, einmal tiefgründiger darüber nachzudenken, warum das Neuere tendenziell oftmals das Bessere, das Ältere bestenfalls nostalgisch sei; dies erscheint einem typischen Optimismus bevorzugt westlicher Kulturen zu entsprechen, der in den gewählten Ordnungsbegriffen von 1966 mit zum Ausdruck kommt. Unglücklich aber ist es stets, wenn die Bedeutungsebene einer Wertung mit der Bedeutungsebene von Ordnungen vermischt wird. (…)


Omas Rosen – für alle Zeiten Moderne Rosen?

Dass in diesem Begriffspaar Missverständnisse mitgegeben und weiter getragen werden, mag eine Erfahrung verdeutlichen: Immerhin ist dieses Begriffspaar mittlerweile seit über 50 Jahren im Gebrauch und so manchen Rosenliebhabern/-innen fällt es heute schon nicht leicht, einzusehen, dass so manche (alte) Rosen aus Omas Garten – klassifiziert – Moderne Rosen sind und in dieser Bedeutungsebene einer Ordnung auch für alle Zeiten dort bleiben werden! Selbst dann, wenn vermeintlich kluge Geister die Post-Moderne und die Neo-Romantik für die Klassifikation der Rose entdecken wollten …
Auch ein solcher Blick in die Zukunft lohnt: Die kommenden Generationen von Rosengärtnern könnten unsere Rosen von heute möglicherweise als alt begreifen und tatsächlich den Wunsch hegen, ihre eigene neue Vielfalt auch neu und gesondert geordnet zu sehen, wie dieser Bedarf nach einer neuen Ordnung wohl auch 1966 empfunden wurde. Sofern sich diese Zukunft an den Gruppenbegriffen von heute weiter orientieren will, ist die Erfindung einer Post-Modernen Rose nicht einmal abwegig. (…)

Denn Vorläufer in diesem Geiste kennen wir heute schon. So wird die Definition von 1966 mitunter als solcherart Neuordnung vorgestellt und in einem Verständnis zitiert, das es uns erlaube, sagen zu können: »Historische Rosen« sind dies und das oder: »Alte Rosen« haben diese und jene Eigenschaft. Und wir vergessen dabei, wenn wir dem zustimmen, dass Ordnungsbegriffe keine Eigenschaften haben:

Die Englischen Rosen haben, im Gegenteil zu den Historischen Rosen, den Vorteil, öfterzublühen (…)[6]

Eine exemplarische und gebräuchliche Umdeutung von Ordnungsbegriffen zu pauschalen Eigenschaftsbegriffen auf dem Rosenmarkt.
Tee-Rosen, China-Rosen, Noisette-Rosen, Remontant-Rosen, einige Bourbon-Rosen, Portland-Rosen, einige Moos-Rosen, wenige Damaszener-Rosen nennen Rosenklassen aus dieser Gruppe der Historischen Rosen mit einer Vielfalt von Rosen, welche u.a. die Eigenschaft haben, öfter im Jahr zu blühen.[7]

[6] Internetpräsenz von David Austin, 2009.

[7] Siehe Das Leid mit den alten, Englischen Rosen . Dort werden im Detail die Fragen erörtert, für welche Zwecke Ordnungsbegriffe auf dem Rosenmarkt benützt werden und welchen Einfluss Ordnungsbegriffe (z.B. Alte Rosen) und Marktbegriffe (z.B. Englische Rosen), die nichts anderes als Sammelbegriffe sind, auf unsere Sprachgewohnheiten und schließlich sogar auf unsere Kultur der Rose haben. Hier mag die Frage genügen: Brauchen wir diese Gruppenbegriffe von 1966 überhaupt, um uns über Rosen informativ verständigen zu können? Vielleicht als ergänzende Frage hinzugefügt: Sollten wir uns über Rosen kundig machen, indem wir ausgerechnet die Rosenhäuser des Marktes als Informationsquelle wählen?
Angeregt sei schon hier, da schon die Namen und Ordnungsgefüge der Rosenklassen — wie deutlich gemacht — keine Eindeutigkeit inne haben, dass insbesondere die gängigen Gruppenbegriffe mit ihrem weit aus größeren Umfang nicht als eindeutig misszuverstehen sind; es sind eher gedankliche Wegmarken, zeitliche Raster und austauschbare Hinweisschilder im Dienst einer Übersicht. Man sollte diesen Begriffen nicht Eigenschaften von Rosen zuordnen können. Heutige Rosenzüchter beispielsweise kreuzen keine »Historischen Rosen« ein, wie es allerorts zu lesen ist; man siehe einmal im Detail der Ordnung, was für eine Aufgabe dies wäre! Von der Beliebigkeit einmal abgesehen, welche Vielfalt verschiedenartigster Rosen diese eine Ordnung ohne Notwendigkeit in Gruppen mit schwierigen Namen zusammengepackt hat. Entsprechend pflanzen wir auch keine »Historischen Rosen«, wir fänden kaum Platz dafür im Garten. Wir pflanzen aus der Vielfalt einzelne Sorten mit unterschiedlichsten Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten. Wenn wir es uns im Sprachgebrauch der Ordnungsbegriffe nicht zu leicht machen und doch besser sagen, dass wir aus dieser oder jener Gruppe Rosen pflanzen, entdecken wir den Wert der einzelnen Rosen.
Ordnungsbegriffe haben andere Aufgaben als diejenigen Begriffe aus den Rosenhäusern des Marktes, beide sind als Sammelbegriffe ungeeignet, um als Spiegelbild für eine Handvoll Eigenschaften gleich welcher Art gebraucht werden zu können.

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Klassifikations­systeme im Vergleich – und die Frage nach dem Typ der Hybrid Tea

Im deutschsprachigen Raum gibt der Weltverband der Rosengesellschaften (World Federation of Rose Societies, WFRS) den Weg mit an. Bekannt ist aus dieser Ordnung die gängige Unterscheidung zwischen Wildrosen, Alten Rosen und Modernen Rosen (siehe Abschnitt zuvor). Unterteilt wird dieses Dreigestirn vom WFRS in weiteren rund 40 Rosenklassen. Die Amerikaner indessen orientieren sich an der Ordnung der American Rose Society (rund 60 Rosenkassen), die Engländer an der Ordnung des Verbands britischer Rosenzüchter (rund 30 Rosenklassen) … usw.. Man erkennt erneut, dass die Differenzierung der Rose in Klassen uneinheitlich ist.
Herausgestellt sei der Versuch, Englische Rosen® als eigene Klasse in der Gruppe Moderner Rosen zu etablieren.[8] (…)

[8] Die britische Rosengesellschaft geht offenbar einen Sonderweg, denn dort taucht der Begriff Englische Rosen® als Klassenbegriff auf. Sowohl die Rosenzüchter englischer Abstammung, die nicht Austin heißen, als auch der Rest der Welt nimmt diesen Sonderweg befremdet zur Kenntnis. Nun ist in jenem Kauderwelsch des Rosenmarktes ein Begriff geboren, der drüben Klasse ist, hüben aber Marktbegriff bleibt. Dass diese Erhebung eines strategischen Marktbegriffs eines Züchters zu einem offiziellen Ordnungsbegriff möglich wurde, sollte nachdenklich stimmen und in die Frage münden: Wodurch ist dies möglich geworden?.

Bald jede Nation verwendet offenbar ihre eigene Ordnung mit zum Teil erheblichen Differenzen. Hinzu kommen die (sinnfälligen) Ordnungen der Rosenschulen, der Literatur, der Rosenhäusern usw.. Sucht man international, wird die Suche zwangsläufig komplex. Allein eine zusammengefasste Übersicht der Ordnung vom WFRS lässt so manche Rosengärtner/-innen wohl fragend zurück:


Formale Einordnung – und die Suche nach Rosen für den Garten

Die genetische Vermengung der verschiedensten Rosen aus allen Klassen durch die Rosenzucht der letzten 200 Jahre brachte jene, immer komplexer werdenden Verwandtschaftsbeziehungen hervor; die eindeutige Zuordnung besonders von Modernen Rosen zu Klassen ist darüber oft nur noch formal verständlich, genotypisch und phänotypisch aber unverständlich. Darüber wird das Auffinden von Rosen mit bestimmten, gewünschten Eigenschaften besonders schwer. Moderne Edelrosen blühen in Dolden und wachsen strauchartig, Beetrosen zeigen Dolden mit kleinen Einzelblüten ähnlich den Polyantha und als Grandiflora geordnete Rosen sind ähnlich den Blüten der Edelrosen; als Moderne Strauchrosen klassifizierte Sorten klettern und liefern wunderbare, großblumige Schnittrosen, Wildrosen-Hybride wachsen als Strauch oder klettern und blühen öfter … eine bunte Vielfalt in jeder Klasse! Am Beispiel der für die Klassifikation bedeutsamen Edelrose mag man das deutlicher machen:


Genetische Komplexität und die Frage nach den Phänotypen der Rosenklassen — Beispiel Hybrid Tea (Edelrosen)

Inwieweit die Hybrid Tea von heute überhaupt noch dem alten Klassenbegriff Hybrid Tea entsprechen, taucht in der Diskussion um die Geschichte der Hybrid Tea als berechtigter Einwand auf. Denn Teerosen finden wir als genetisches Merkmal in den Genen heutiger Sorten allenfalls in kaum nachweisbaren Spuren und im Phänotyp sind nicht wenige Sorten eher Strauchrosen als dass sie dem Bild einer klassischen Edelrose entsprechen. Dass Tee-Hybriden aber auch im historischen Rückblick ein buntes Feld verschiedenartigster Rosen zeigen, führen kritische Rosenhistoriker zusätzlich an; etwa die Untersuchungen von Brent C. Dickerson, Gerd Krussmann, Francois Joyaux, auch Paul Barden u.a..

Die Klasse der Hybrid Tea enthält demnach eine — damals wie heute — Vielzahl unterschiedlichster Rosen (Phänotypen), welche dem geläufigen Klassentyp Edelrose nicht einfach zu entsprechen scheinen. Ferner finden sich in diesem Rückblick Sorten, die weitaus älter sind als jene Sorte ‘La France’ von 1867: ‘Brown‘s Superb Blush’ (1815), ‘Duc de Choiseul’ (1825), ‘Jaune Desprez’(1826), ‘Lamarque’ (1830) und so fort. Wie sich das im Detail auch ausdiskutiert: die erste Hybrid Tea war ‘La France’ sicher nicht. Ihre genetische Herkunft ist ferner unbekannt, die hin und wieder auftauchenden Eltern sind nicht belegt, und erster Klassentyp heißt dann wohl nicht – einmal von dem ohnehin etwas spärlichen Strauch dieser Sorte abgesehen – Teehybriden haben dem Typ nach zu sein wie ‘La France’. Es wäre auch ein viel zu starres Bild von Rosen und von Rosenklassen!

Hybrid Tea ist (als Klasse) historisch und bis heute ein buntes Beet verschiedenartiger Genotypen und Phänotypen. Es ist ein Ordnungsbegriff – und nunmal kein Eigenschaftsbegriff. Als Ordnungsbegriff bietet Hybrid Tea eine Orientierung, jedoch beherbergt diese Rosenklasse – einmal über die gewohnten Definitionen der Rosenschulen hinaus gehend – eine Vielzahl unterschiedlichster Rosen mit verschiedenartigen Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten für die Gartenkultur. Diese Vielschichtigkeit finden wir natürlich in den weitaus umfassenderen Gruppenbegriffen verstärkt wieder! Man findet in diesen großen Gruppen Rosen, die man aus den geläufigen Charakterisierungen von Rosenklassen oder gar der Rosengruppen selbst kaum erwarten dürfte. Rosen, mit einem breiten Feld von Eigenschaften, von Verwendungsmöglichkeiten sowie schließlich von Verwandtschaftsbeziehungen. (…)

Theoretisch wäre eine einheitliche Zuordnung von Rosen zu Klassen per Stammbaum-Analyse und – heute verstärkt – durch die Genetik möglich. (…) Diese eindeutigen Zuordnungen führen jedoch rasch zur Erkenntnis: Stammbäume und Genetik pflanzt man nicht! Wenigstens nicht, insofern man kein Rosarium betreibt. Für die Klassifikation ist genetisch eindeutig möglicherweise hilfreich (…), für den Garten aber hilft diese Bestimmung kaum. Denn gleiche Genotypen erzeugen keine gleichen Phänotypen. Wir aber wollen Informationen primär über die Eigenschaften von Rosen. Es ist ähnlich mit den Verwandtschaftsbeziehungen bei uns: Familienangehörige zeigen die unterschiedlichsten Phänotypen und Charaktereigenschaften … und doch ordnen wir uns alle unter einem Namen (…)
Will man für die Gartenkultur fündig werden, sollte man sich klassenübergreifend umsehen und Ordnungsbegriffe als grobe Wegmarken verstehen, sie aber nicht als Eigenschaftsbegriffe missverstehen. Die Suche nach Rosen lässt sich kaum vereinfachen:


Eine kleine Anekdote mit wahrem Gehalt

Auf meine Frage an den Leiter der Vermehrungsflächen einer deutschen, renommierten Züchter-Werkstatt, warum diese Neuheit etwas unverständlich in jene Klasse aufgenommen werden soll, kam die lapidare Antwort: So lässt sie sich besser vermarkten, denn Edelrosen (diese Klasse war gemeint) sei einfach stärker nachgefragt. Auch eine Logik, dachte ich mir, Ordnung zu schaffen und das Suchen zu erleichtern! Denn auf diesem Wege wird man, wo man aus der Sicht des Züchters mutmaßlich am ehesten sucht, wohl auch schneller fündig?
Die genetische Vielfalt heutiger Sorten mit ihren Eigenschaften, mitunter sein zu wollen, wie es beliebt, macht es auch den Züchtern nicht leicht, alles das, was ihre Selektion an Phänotypen so hervorbringt, taxonomisch richtig und praxisorientiert nützlich zu ordnen … Überbewerten sollte man die Aussagekraft von Ordnungen also nicht. Ordnungen arbeiten mit Begriffen, die definiert werden müssen, ansonsten bekommt man keine Vorstellung darüber, wofür dieser Begriff stellvertretend steht. Rosen aber sind individuelle Geschöpfe, keine Begriffe; man kann sie sortenspezifisch charakterisieren (Eigenschaften, Herkunft, Verwandtschaft, Verwendungsmöglichkeit) und sie darüber bestmöglich einem definiertem Begriff zuordnen. Es bleibt aber stets eine Diskrepanz zwischen dem, was die jeweilige Ordnung als maßgeschneiderten Mantel per definition vorgibt, und den Rosen, die von diesem Mantel umfasst werden sollen: der angelegte Mantel will einfach nicht allen Rosen passen! Mal ist er zu weit, mal ist er zu eng geschneidert. Im Grunde leidet jede Ordnung unter diesem Dilemma, dass Vielfalt sich nicht eindeutig machen lässt. Dies gilt auch und besonders für alle diejenigen Ordnungen, die Rosen nach Eigenschaft und Verwendung zusammenfassen, obgleich diese Ordnungen den Anschein haben, die sinnfälligsten zu sein.

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Die Ordnung der Rosen nach deren Verwendung und deren Wuchs

Ordnungen definieren Begriffe
Rosengärtner/-innen gärtnern mit Rosen
und Rosenzüchter kreuzen einzelne Sorten

(…) Dass die Ordnung der Rose theoretisch und relevant praktisch Probleme bereitet und wir unsere Rosensuche in der Konsequenz breitgefächert auslegen und Ordnungsbegriffe – gleich, ob sinnfällig oder nicht – interpretieren sollten, sei an zwei weiteren Zitaten verdeutlicht, die zwar ernst gemeint um die Systematik ringen, aber bald humoristisch sind. Es sind Versuche, die Natur der Rose mit selbst erfundenen Begriffen irgendwie in Einklang zu bringen: Wie groß werden Rosen?

Die Gestalt der Polyantharosen …

(…) variiert zwischen der einer kleinen Beetrose und einer mittleren Strauchrose.

Und die Strauchrosen?

Möglicherweise sind diese Rosen etwas größer, stark- oder breitwüchsiger als Beetrosen, weshalb sie sich schwer in einer Gruppe zusammenfassen lassen. Andererseits sind sie deutlich kleiner als Kletterrosen (…)[9]

[9] Gordon Cheers (Hg.): Rosen, Enzyklopädie, Deutsche Ausgabe 1999, S. 29.

Die Klasse der kletternden Zwergrosen enthält demnach Rosen, die deutlich größer sind als große Strauchrosen? Und wie groß ist eine kleine Beetrose? Wenn eine mittlere Strauchrose kleiner ist als eine große Beetrose, dann ist sie so groß wie eine Polyantha …

Da pflanz ich mir doch einen Bodendecker in den Topf …!

Verzeihen Sie – aber haben Sie jetzt ein klares Bild von den Strauchgestalten der Rosen? Um die Einschränkung von Cheers im obigen Zitat aufzugreifen: »Möglicherweise …«

Rosen lassen sich nur schwer in einer Gruppe zusammenfassen! Man mag diesen Text von Cheers als uneingestandene Kapitulation der Systematik (von Begriffen) vor der Natur (der Rose) begreifen: Denn ist eine große Beetrose wohlmöglich doch gleich einer Strauchrose? Und sind große Strauchrosen wohlmöglich doch größer als kleine Kletterrosen? Ja und nein, je nach dem, welche Sorte man wo pflanzt und wie man sie kultiviert …
Im Garten vorstellen kann man sich das alles nicht mehr! Und wie wächst sich das Ganze dann erst zurecht: in Norddeutscher Küstenlage und im mediterranen Klima der Insel Mainau … auf dem Terrassenbeet mit seinem mageren Boden und in den Rabatten des Vorgartens mit den eher fetten Böden …? — Nicht umsonst sind die Angaben des Wuchses als CIRCA-Angaben zu verstehen und bieten nur unzureichend eine Grundlage für die Klassifikation von Rosen. Wohl aber bieten sie Orientierungspunkte! (…) Wer jedoch eine Strauchrose als Kletterrose verwenden will, eine Polyantha als Beetrose, eine Beetrose als Strauchrose und die Bodendeckerrose in den Topf pflanzen möchte, sollte sich nicht aufhalten lassen …

Übrigens, Kunden von mir verwenden Edelrosen für Hecken, etwa vor dem Terrassenbereich, die derart gepflanzt nicht mit einer Rabatte zu verwechseln sind. »Edelrosen« aber werden Sie unter den marktüblichen Ordnungen »Rosen für (niedrige) Hecken« wohl vergeblich suchen; »Hecke« und »Edel« kollidieren wohl irgendwie im Kopf.
Im Garten indessen geht so manches …

Die Verwendung

Die Ordnung der Rosen nach deren Verwendung wird demnach ebenfalls nicht für tauglich befunden – zu recht, wie man rasch erfährt:

Ob der Begriff ›Bodendecker‹ im Zusammenhang mit Rosen überhaupt gerechtfertigt ist, ist umstritten (…) Mein Haupteinwand gegen den Begriff ›Bodendecker‹ besteht darin, dass diese Rosen durchaus auch sehr vorteilhaft für andere Zwecke im Garten verwendet werden können.[10]

[10] Heinrich Schultheis, Rosen, Die besten Arten und Sorten für den Garten, 1998, S. 80.

Es dürfte einigermaßen erstaunen, dass dies offenbar einer Erklärung eines großen Rosenkenners bedarf: Bodendecker kann man auch vorteilhaft ins Beet oder in einen Topf pflanzen! — Warum auch nicht? Es ist ein Begriff, der behelfsmäßig über irgendeine Verwendungsmöglichkeit Ordnung in die Vielfalt bringen sollte – mit mäßigem Erfolg. In der Tat scheuen Kunden vor Rosen zurück, wenn sie erfahren, dass es sich bei der gewünschten »Beetrose« (klassifiziert) um eine Bodendeckerrose handle. Eine eigentümliche Hierarchie der Begriffe: Bodendecker klingt nach öffentlichem Grün und nach einem gedanklich hinzugefügten »nur ein« Bodendecker. Vielleicht hat man zum Begriff auch die Vorstellung von Kriechmistel und darniederliegenden Blütenzweigen? Ach was, so wachsen diese derart klassifizierten Sorten nicht, wie es die beiden Sorten der folgenden Fotos zeigen; Sorten, die freilich auch als Solitär wachsen oder – wie bei der finnischen Fundrose – als Kletterrose verwenden werden könnten:

‘Compactila’ »bodendeckend« in Sangerhausen; eine Sorte, die freilich auch als Solitär um 150 cm wächst. In Sangerhausen wird sie offenbar regelmäßig kurz über den Boden geschnitten. ‘Compactila’. Vergleiche Sortenseite.

“SLG Finnland”, eine »bodendeckende« Fundrose aus Finnland, die auch als Kletterrose gezogen werden kann.“Slg – Finnland”

Die kleine Wildrose Rosa nitida bildet wurzelecht ebenfalls dichte Teppiche.

Den berechtigten Einwand von Heinrich Schultheis zum Begriff Bodendecker können Sie durchaus auch für die Begriffe Beetrose, Kletterrose und Strauchrose ausweiten und weiter verwenden

‘The Fairy’ im Heckenverbund Bodendecker ‘The Fairy’ als Strauch im Heckenverbund

Als Ann Bentall 1932 die allseits bekannte und wohl auch beliebte Rose ‘The Fairy’ einführte, kam sie als Strauchrose (Polyantha-Typ) auf dem Markt. Und in der Tat, wenn man sie nur lässt, wächst sie gut und gerne zu einem 120 cm hohen Busch, durchaus in der Qualität eines Solitär. Heute jedoch läuft sie undankbar in der Kategorie Bodendecker, wird gerne ihrer Robustheit und Schnittverträglichkeit wegen im öffentlichen Grün eingesetzt und jedes Jahr gnadenlos bis auf Handbreite niedergemäht. Einerseits beliebt, anderseits verkannt, so mag man sie schon kaum mehr vermehren und für einen angemessenen Lohn als Strauchrose, büschelblütig anbieten …

Kinder aber brauchen halt einen Namen und es wird um diese Namen gerungen, weil die Vielfalt halt irgendeine Ordnung braucht.

»Kleinstrauch«

Anstelle des Begriffs Bodendecker oder des zweiten missglückten Begriffs der Flächenrose für eine anschauliche Abgrenzung zur Beetrose sieht Thomas Proll die mögliche Lösung im verwendungsfrei gedachten Begriff Kleinstrauch und fragt bei uns nach:

Kleinstrauchrosen – eine neue Rosengruppe oder Sammelsurium verschiedener Typen?[11]

[11] VDR (Hg.), Rosenjahrbuch 2001, Beitrag von Thomas Proll, Kleinstrauchrosen — eine neue Rosengruppe oder Sammelsurium verschiedener Typen?, S. 57-66.

Thomas Proll stellt in Aussicht, wir hätten bei dieser Anfrage eine Wahl, denn dieses ausschließende »oder« verheißt es uns: eine neue Rosengruppe oder Sammelsurium?
Ich befürchte, wir haben keine Wahl und die Quintessenz sei kurz gemacht: »Kleinstrauchrosen« versammelt verschiedenartigste Rosensorten unter einem Begriff, wie Beetrose und Flächenrose es zuvor getan haben und weiterhin tun. Rosengruppen und Rosenklassen — Ordnungen aller Art — sind stets ein Sammelsurium von Rosen: von Eigenschaften, von Verwendungsmöglichkeiten und von Verwandtschaftsbeziehungen. Auseinander-dividieren lassen sie sich für die Gartenkultur nicht. Für die Klassifikation mögen begriffliche Neuschöpfungen hilfreich sein, um überhaupt einen Überblick zu bekommen. Der eine Begriff hilft dabei mehr (»Kleinstrauchrosen« ist im Vergleich vorzuziehen), ein anderer indes weniger (»Bodendecker« oder »Beetrose«). (…)
Wer fündig werden will, ignoriere doch einfach einmal die angebotenen Begriffe — und schaue sich kenntnisreich und kreativ im Kopf um! (…)

Für die Gartenkultur hilft es mitunter, was die Botanik uns lehrt, dass nämlich alle Rosen Sträucher sind. ‘Paul Noel’ ist klassifiziert ein Rambler, was einen Kunden jedoch nicht davon abhielt, diese Sorte als Strauch zu verwenden: mitten auf der Rasenfläche gepflanzt, zeigte er mir Bilder einer gut 2,5 m hohen und etwa ebenso breiten Pflanze. Ich muss zugeben, dass ich selbst überrascht war, dass die Strauchkultur mit dieser Sorte möglich ist, macht ‘Paul Noel’ doch schlanke, peitschenförmige Triebe. Jedoch baute sie sich zu einem beachtlichen Solitär auf, bildete fleißig wurzelechte Pflänzchen durch darniederliegende Triebe und stützte sich selbst. Ein zu fleißiges Ausbreiten, so der Gärtner, verhindere der Rasenmäher …

Was also ist zu tun? Ordnungsbegriffe sind natürlich zu verwenden! Wenn der Begriff Kleinstrauchrose sich doch noch durchsetzen sollte, werde ich ihn verwenden. Er ist allemal angemessener und hilfreicher als die zuvor gebrauchten — und man muss sich verständlich machen. Im Gespräch wird man schon Klarheit schaffen, wofür der Kleinstrauch im Garten Verwendung finden soll - und ob die Sorte sich dafür eignet. (…) Der Blick auf Rosen sollte in den Ordnungen Orientierung finden können, jedoch kritisch, frei und offen bleiben.

Lernen Sie, Ordnungsbegriffe zu lesen mit dem toleranten Blick erfahrener Gärtner/-innen:
Für Ihren Garten sind diese Ordnungsbegriffe nicht zu gebrauchen!

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Die Ordnung nach den Rosenreihen der Rosenzüchter

Wie finden wir Rosen auf dem Rosenmarkt? – oder: Das Privileg großer Rosenhäuser: Quantität schafft eigene Ordnung …

Neben den Rosenklassen des 19. Jh. und deren tradierten Namen ist jede Erweiterung der Klassifikation bemüht, neutral über die Vielfalt der Rose zu informieren, z.B. Kletterrosen, Zwergrosen, Floribunda-Rosen usw. sind solche Rosenklassen. Sie sollen z.B. helfen, einen möglichen Verwendungszweck deutlicher zu machen oder über den zu erwartenden Wuchs Auskunft erteilen usw..

Der Rosenmarkt freilich hat seine eigenen Begrifflichkeiten, welche sich zu denen der Klassifikationen hinzugesellen. Es sind dies bevorzugt die bekannten und genannten Hausnamen großer, renommierter Rosenhäuser: Englische Rosen®, Märchen-Rosen®, Nostalgie-Rosen®, Renaissance-Rosen®, Generosa-Rosen® u.v.m.. Liesen sich zwar die einzelnen Sorten aus diesen Häusern problemlos in die neutralen Kategorien (irgendeiner Klassifikation) einordnen, verwenden wir diese Haus- und Reihen-Namen stattdessen auch gerne – ganz zur Freude ihrer Erfinder – indem wir sie zusätzlich, neben der jeweiligen Ordnung und gesondert aufführen. Dies beinhaltet eine gewisse Bevorzugung dieser Rosen und folglich der jeweiligen Rosenhäuser. Denn für unsere Orientierung benötigen wir diese Hausnamen und Rosenreihen nicht! Denn wir wissen ja, wenn wir z.B. die Ordnung Alte und Moderne Rosen als Rahmen vorfinden, dass diese Rosenneuheiten allesamt in die Gruppe Moderne Rosen gehören und dort in die unterschiedlichsten Klassen dieser Gruppe einzuordnen sind; manche dieser neuen Kreationen klettern, andere halt nicht, die ersten also finden wir bei den Kletterrosen, die anderen halt bei den Strauchrosen … Dort mag, wer will, der Haus- und Reihenname als weitere Orientierung genannt werden – insoweit der Name des Züchters nicht ausreichend erscheint.
Wenn wir aber diese Rosen gesondert unter deren Marktnamen "neben" einer Ordnung vorfinden, geht ein Stückweit die Einfachheit einer jeden neutralen Ordnung verloren. Denn unter den Marktnamen der Züchter finden wir keine wirkliche Ordnung, sondern ein Allerlei verschiedenartigste Rosen. Nun gut, wir werden der Quantität einzelner Rosenhäuser gerecht, wenn wir deren Namen gesondert aufgeführt vorfinden, und dies, so scheint es, erleichtert uns möglicherweise die Suche.

Andere Züchter aber — oder allgemein: Rosen aller Art -, die keine solche Reihen-Namen haben, suchen wir indessen weiterhin innerhalb der Sparten der jeweiligen Klassifikation. Und gelegentlich erscheint es dem Rosenmarkt darüber sinnvoll, Rosen, die über keinen eigenen Reihen-Namen verfügen, vereinzelt aus den neutralen Klassifikation herauszuheben, um sie unter den hausfremden Rosen-Reihen oder unter selbst gemachten Sammelbegriffen als Rubrik einer eigenen Ordnung einzufügen. Und so passiert es, dass eine gesuchte Strauchrose nicht weiter unter Strauchrosen zu finden ist, sondern unter Romantik-Rosen und die Kleinstrauchrose eines Züchters weder unter Floribunda noch unter Beetrosen steht, da es für sinnvoller erachtet wurde, sie unter Englische Rosen zu führen:

Ungehörig "sinnfällige" Sammelbegriffe des Rosenmarktes:
Die hauseigene Ordnung … und die hausfremden Rosen — Ordnen nach Belieben.

Mitunter gehen diese beliebigen Ordnungen so weit, dass hausfremde Rosen als solche unkenntlich gemacht werden, und — ob gewollt oder nicht — dort einen neuen Platz finden, wo sie gar nicht hingehören. Etwa bei David Austin, der seine Hausfahne kurzerhand in fremde Beete steckt, Etiketten älterer Rosensorten auf dem Markt bringt ohne Angaben der Züchter, wohl aber mit dem Zusatz in der rechten Ecke des Etikettes »created by David Austin« und die Sorte ‘Gruß an Aachen’ von L. Wilhelm Hinner, auf den Markt gebracht von Philipp Geduldig (1909, Österreich, Ungarn, Deutschland), an anderer Stelle kurzerhand zur ersten »Englischen Rose« erklärt[12], als ob der Sammelbegriff seiner Zucht – »English« – nicht schon für seine Rosen züchtenden Landes-Genossen ein Ärgernis genug wäre. Diese Einverleibung hausfremder Rosen rührt aus dem Glauben dieses unbestritten großen Züchters, er habe mit seinem bunten Gemenge der eigenen Zucht eine neue Rosenklasse begründet, in der Platz finde, was Austin für wert erachtet. Englische Rose® ist ein Sammelbegriff des Hauses Austin aus über 40 Jahren Rosenzucht, dieser Begriff versammelt alle Rosen des Züchters selbst und damit auch eine Vielzahl solcherart Rosensorten, die weder als Phänotypen noch als Genotypen mit der Sorte ‘Gruß an Aachen’ irgendetwas gemein haben. Dass der Rosenmarkt diese eigensinnige Ordnung mitunter übernimmt, ist wenig hilfreich! Denn wer will schon unter einem Hausnamen Rosen anderer Art und von anderen Züchtern suchen müssen?

Einordnen, wo mutmaßlich gesucht wird — warum nicht?

Ferner werden wir diese schöne Sorte von Hinner/Geduldig bei Beales als Chinarose wieder finden, worüber ‘Gruß an Aachen’ (über den Genotyp der Sorte) in die Gruppe der Historischen Rosen eingeordnet ist, zweckmäßig aber von Beales (über den Phänotyp) in der modernen Rosenklasse Floribunda mit aufgeführt – denn dort werden Rosenfreunde/-innen diese Sorte wohl eher vermuten.
In den Listen anderer Rosenschulen indessen finden wir ‘Gruß an Aachen’ sowohl in der neutralen Klasse der Floribunda als auch unter dem Namen Large-Flowered Polyantha, den großblumigen Vielblütigen, worüber ‘Gruß an Aachen’ nun ausschließlich in die zweite Gruppe, die der Modernen Rosen eingeordnet ist.
Wer dort nicht suchen mag, schaue halt unter den diversen Kunstbegriffen nach, dort findet sich diese Sorte mitunter auch: Romantische Rosen …

Da mag sich bald jeder selbst zusammenreimen, welche Art Rose ‘Gruß an Aachen’ denn nun sei und wo er bei der Suche anfangen und wo er wohl fündig werden dürfte. Ganz zu schweigen von den verbleibenden 29999 Sorten, welche irgendwo gewiss ihre (sinnfällige, hauseigene und hausgemachte) Ordnung gefunden haben … (…)
Jede und jeder nach Belieben …

Sofern man den Namen einer Sorte kennt, findet man mit Hilfe heutiger Suchmaschinen solche namentlich bekannten Sorten zwar rasch; wehe aber, man kennt den Namen (und die möglichen Synonyme) nicht und hat nur eine Handvoll gewünschter Eigenschaften im Blick …
Sucht man etwa eine robuste Rose fürs Beet, würde man, so könnte man fragen, wirklich bei Beales eine unbekannte China-Rose in die engere Wahl ziehen oder eine namentlich unbekannte Large-Flowered Polyantha, eine Englische Rose oder eine Romantische Rose namens ‘Salut d‘ix la Chapelle’ (alias ‘White Willow Glen # 1’, alias ‘Gruß an Aachen’)? – Nun denn …


Eine Handvoll moderner Romantik – und die Projektionsfläche Alte Rose

(…) Der Anspruch jener historisierten Hausnamen der modernen Züchterwerkstätten ist hoch, jedoch bieten all diese Romantik-Rosen nur einen Auszug bevorzugter Charakteristika, die vermeintlich den Alten Rosen eigen seien. Rosengärtnern Historischer Rosen empfinden diese Vorgehensweise der Charakterisierungen dieser neuzeitlichen Rosen mitunter als einen sehr einseitigen Blick auf eine große Rosengruppe: auf die Gruppe der Alten Rosen. Sie wenden wohl zu recht ein, dass diese Projektionsfläche für die Charakterisierung von Rosen-Reihen moderner Züchter viel zu groß sei, vieles unscharf werden lasse und wir bei den werbewirksamen Bezügen kaum mehr einzelne Rosen vor Augen haben.

Im Spiegelbild der modernen Rosenreihen erscheint die »Alte Rose« mitunter als überholt.

Den Gruppenbegriff Alte Rosen aber auf favorisierte Eigenschaften zu reduzieren, dient nicht der Orientierung über die Vielfalt, es schränkt uns ein. Die Eigenschaften, welche wir derzeit zu Alte Rose assoziieren mögen und vermittelt bekommen, wie etwa bestimmte Blütenformen und Duftnoten, sind für die Charakterisierung dieses Ordnungsbegriffs vollkommen unangemessen. Wer nur selektiert, was ihm gefällt, kann am Ende als Vergleichsmaßstab nicht wieder das Ganze nehmen.

Charme auf irgendeinen Sammelbegriff zu legen, macht noch weniger Sinn, wenn man auch noch glaubt, es sei eine Eigenschaft des Benannten und dieser ominöse Charme »Historischer Rosen« könne in die »Moderne« gerettet, nachgeahmt oder gar eingekreuzt werden. Charme ist Spiegelbild der Persönlichkeit, ist Ausdruck und Sicht des einzelnen und eines, seines Geschmacks, eingebunden in dem Geschmack der Zeit, in der man lebt. Gewiss aber ist Geschmack keine indifferente Eigenschaft irgendeines Ordnungs- oder Sammelbegriffs! Alte Rose ist geschmacklos oder geschmacksneutral; wir blicken dort hinein und verteilen Charme, jeder so gut er kann (…)

Dass Gruppenbegriffe einer (neutralen) Ordnung und (verkaufsstrategische) Begriffe des Rosenmarktes nur schwerlich zusammengehen, gerät bei den sinnfälligen Orientierungsangeboten des Rosenmarktes gerne aus dem Blick.

Der Rosenmarkt bastelt seit 1966 kunstvoll an unserem Verständnis der Rose herum und will uns Alte Rosen und Alten Charme in einer überarbeiteten und verbesserten Neuauflage verkaufen.

Plagiate — mag manch Rosenkenner/-in denken: als ob man die Charakterköpfe einer ‘Madam Hardy’ oder einer ‘Mousseux du Japon’ und tausender Alter Rosensorten an irgendwelchen modernen Sträuchern auch nur annäherungsweise wieder fände! (…)

Die Aufgabe von Ordnungsbegriffen ist die einer Übersicht. Die Aufgabe von Rosenreihen ist es, Rosen zu vermarkten oder auf dem Rosenmarkt gut zu platzieren. Letzteres gelingt offenbar prächtig. Dieser Ordnungsbegriff Alt aber enthält eine Vielzahl unterschiedlichster Rosenklassen, keine Auswahl einzelner Rosen mit bestimmten, bevorzugten Charakteristika aus der Sicht eines Gärtners.

Kurzum: Die blühende Zukunft der »Historischen Rosen« werden wir bei Guillot nicht finden und die Rosen von Austin sind gewiss nicht die Nachfahren einer Rosengruppe in irgendeinem diffusen Verständnis von »Alt«. Mag dieses Verständnis auch in schmucken Bänden zelebriert und ungelesen – so erscheint es mir – allerorts zitiert werden – copy macht’s möglich …[13]

Moderner Rosen der diversen Romantik-Kategorien bieten bestenfalls eine Spiegelfläche eines heute bevorzugten Geschmacks. Das mag morgen wieder anders sein … Es sind (mitunter) gewiss schöne und empfehlenswerte Rosen zu finden, wer mag, pflanzt (auch) diese. (…)

Möglicherweise aber wird der Geschmack kommender Rosengärtner/-innen ein ganz anderer und die einfach blühende Rose mit der Eigenschaft vorzüglicher Fruchtbildung nicht nur mögen, vielmehr bevorzugen und für diesen Typ gleichfalls irgendein Spiegelbild in der Gruppe »Historischer Rosen« suchen – und fündig werden können! Wir finden in dieser großen Rosengruppe allerlei Rosen! (…)

Dass unserer romantisch-nostalgischen Rückblicke auf die Alte Rose nur einen kleinen, marktorientierten Ausschnitt bieten,
sollte uns stets gegenwärtig bleiben, damit die moderne Nostalgie-Welle des Marktes unser Verständnis der Gruppe Alte Rosen
und der Rose allgemein nicht allzu sehr fokussiert und verklärt.

[12] David Austin, Alte Rosen & Englische Rosen, S. 164.
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[13] Man lese die Charakterisierung von Alte Rose und Englische Rose bei Austin (Literatur, Handkataloge, Internet) und schaue sich um und vergleiche: Es wird wiedergegeben, was Austin vorgibt, mitunter wortgetreu und gar im selben, bedeutungsgebenden Duktus, ohne Quellenangabe, nicht einmal Anführungszeichen oder indirekte Kennzeichnung der Herkunft anderer Art — frei zitiert als der (eigenen) Weisheit letzter Schluss für den lesekundigen Laien. Eine Art stillschweigende Konvention des Rosenmarktes, der Medien, der Rosenschulen und so fort, was Alte Rose und Englische Rose halt so alles sei …

Leider ist nicht nur dieses Begriffspaar alleine in der zitier-freudigen Rosenwelt verbreitet; dergleichen findet sich ebenso gedankenlos wieder in Paaren der Art, die dem Eigennutz von Werbung und Verkauf dienen: Kordes – gesunde Rosen oder Noack – Resistenz.

Verrückte Welt der Sprache, die es mitunter schafft, in den Köpfen fest zu implementieren, was einst als freies Werbelatein eines Zuchtziels erdacht wurde … von Zuchtzielen, welche keineswegs so innovativ und modern sind, wie es scheint (man lese die alte Literatur, von etwa Geschwind bis Vibert abwärts … nicht wirklich neues unter Gottes Sonne.)

Erfreulicherweise bröckelt es in diesem Gemäuer der Abschreibekunst und Zitier-Freude hier wie da und wir finden – wenngleich allzu oft zu harmlos – Kritik an diesen Konventionen des Marktes. Vielleicht liegt es daran, dass die Rosengärtner/-innen — nach einem gewissen Zoll an eigenen Erfahrungen — dieses wie jenes in ihren Gärten nicht wieder finden? Nun ja, die Rosen von Austin – wer hätte das gedacht – sind halt doch keine Alten Rosen – und die gesündesten Rosen der Welt werden – ach ja: wer hätte das wohl je gedacht! – genauso krank wie die Resistenten …

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Man sieht nur, was man weiß

Man muss als Rosenliebhaber nicht zum Systematik-Experten werden. Jedoch mag deren Lektüre hin und wieder den Blick auf die Rosenwelt öffnen und frei machen von Begrifflichkeiten, die halt Begriffe, keine Rosen sind. Wer eine Beetrose sucht, schaue auch bei den Edelrosen nach! Wer den »Charme Historischer Rosen« sucht, schaue halt kritisch in den nächstbesten Spiegel und sodann mit diesem Selbstbildnis auf ältere Rosensorten, nicht aber auf diese selbstverliebten »Modernen Rosen«, die als sich selbst missverstehende Plagiate Alles und Nichts sind und bestenfalls noch ihren eigenen Charme haben (…)
Kurzum: Ignorieren wir also im zweiten Schritt alle Ordnungsbemühungen sowie alle Marktstrategien und begeben uns offenen Blicks auf die Reise in die bunte Welt der Rosen!
Suchen wir Rosen mit dem Herzen und dem Verstand – und alles wird gut!

Die Ros’ ist ohn’ warum; sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

– Angelus Silesius.

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