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‘La France’ – die Kultur einer Rose

(HT), Guillot (fils) 1867, F.

Eltern unbekannt.

[Quintessenz

‘La France’ ist eine Rose … aus dem 19.Jh. … und gemäß einer Neuordnung … aus dem 20.Jh. … von Seiten irgendeiner Rosengesellschaft … die erste Rose … 1) einer neuen Rosenklasse namens »Hybrid Tea (›Edelrosen‹)« … 2) die erste einer neu erfundenen Rosengruppe namens »Moderne Rosen« … und im Schluss: Der Beginn einer neu erfundenen Epoche aller Rosen.

Eine Kultur, die in der Antike begann … sollte nicht durch Akteure des 20.Jh. in zwei Welten geteilt werden können – anhand eines Geschmacks, der für sich in die Geschichte zurückschaut, um die Blüte eines Sämlings zu finden, der den Beginn dieses Geschmacks zu spiegeln scheint – um sodann die gefällige Blume dieses Röslein in den Wind und gen Himmel zu heben: Als Wendepunkt einer zweieinhalbtausend Jahre alten Kulturgeschichte …

Kein Zeitgeschmack sollte zu einem Spiegelbild erhoben werden können von dem, was vor, über, rechts oder links von diesem Zeitgeschmack und hinter ihm steht. Jeder Zeitgeschmack mag sich selbst definieren – mehr nicht.

Am Bug aber des Schiffes einer allgemeinen Kultur der Rose baumelt als Galionsfigur irgendein geangelter Sämling aus dem 19.Jh., ‘La France’. Warum nicht ‘Victor Verdier’? Warum will irgendein Zeitgeschmack überhaupt irgendeine Figur am Bug eines Schiffes sehen, auf dem wir nur Gast sind und das uns nicht gehört?

Schiffe unzähliger Generationen segelten frei durch ihre Zeiten. Heute wird behauptet, es sei allgemein akzeptiert, dass diese Fahrten »Alt« zu nennen seien, unsere indessen – mit ‘La France’ vorneweg – als »Modern«.
Schaue ich mich in meinem eigenen Rosengarten um, kommt es mir in den Sinn, dass ich weder ein Passagier des einen, noch des anderen dieser Schiffe sein könnte … und es aus guten Gründen auch nicht sein will.

Was beim Einatmen damals bloß möglich erschien, wurde beim Ausatmen schon zu einem bekanntlich: ‘La France’, The First, Modern Rose.
Ich sehne mich nach der ersten postmodernen Rose in der Hoffnung, dass solcherart Modellschiffe unserer Kultur spätestens dann in Frage gestellt werden: Denn wissen Sie, was eine postmoderne Rose wohl meine, gar schon sei … oder werden soll?

In solchen Zweifelsfällen hilft es, seinen eigenen Geschmack zu suchen, ihn wortlos zu pflanzen, um bei Fragen mit dem Finger darauf zeigen zu können … Das Finden jedoch ist das Problem – das Pflanzen nun nicht.

‘La France’ ist eine Rose im Kontext früher Importe von Gartenformen aus Fernost. Sie ist ein kleiner Teil einer großen Kultur. Alles weitere Gerede und Geschreibe um diese Sorte herum ist seit 1868 von hinten durch unzählige Därme gegangen, um 1967 aus irgendeiner Nase gezogen zu werden, die bis heute so weit gen Himmel ragt, dass die Augen nicht mehr sehen, wohin die Beine laufen. Hybris nannten dies, was hier nur bildhaft umschrieben ist, noch höflich aber klar die Gelehrten einer wahrlich alten Kultur …

Rosengärtner/-innen sollten sich aufmachen, die Kultur dieser Pflanze zu sehen … und selbst zu schreiben …]


Inhalt

Kritik – Teil 1

Geschwind / Wilh. Gillemot»Füllhörner« einer zu überdenkenden Rosenkultur?
Siehe Rosen-Zeitung (…), Lambert 1895, Buch: S. 83f., (Archiv: S. n105f):

Man soll züchten, aber man soll nicht wertloses Zeug auf den Markt werfen und als besonders gut oder neu empfehlen. (…) Nehmen wir La France, den Abgott der Rosenfreunde. Setzen wir heute eine Gruppe La France und eine Gruppe M. Caroline Testout, wir werden gleich finden, welche Sorte grössern [sic] Effekt macht; dazu ist Testout williger und haltbarer als La France.

Es folgen Anregungen, wie man (s)ein Sortiment bestücken sollte … natürlich sind diese Anregungen auf Garten, Park und Landschaft übertragbar.

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Literatur – Die Frage nach den Eltern, Teil 1

‘La France’, Eltern unbekannt.

HelpMeFind (HMF) nennt dennoch im Blickfeld der Sorte: Seedling of Madame Falcot – und verweist sodann auf »References« für weitere Informationen. Angefügt an diesem Verweis zwar: There is no record, but many different opinions, of parentage. Frei übersetzt: Aufzeichnungen gibt es keine, Meinungen über die Abstammung von ‘La France’ aber viele. Dann, bitte schön, sollte man bei der Sorte eine dieser Meinungen nicht wiederholen! (Klug mögen sich Leser wähnen, niemals aber ein Autor!)

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Literatur – Die Frage nach den Eltern, Teil 2

Siehe ebd. (Rosen-Zeitung) S. 84, (S. 107), Bemerkungen von Wilh. Gillemot, ein Sport als Fingerzeig der Elternsorten: (…) auf einem Teile La France kamen Blumen, die alle wie Grossherzog Adolf von Luxemburg blühten.

‘Grossherzog Adolf von Luxemburg’ findet sich als Rose besser unter ‘Grand Duke Adolph de Luxembourg’ (HT, Soupert & Notting 1892); siehe z.B. bei HMF.

Ahnentafel von ‘Grand Duke Adolph de Luxembourg’:

‘Triomphe de la Terre des Roses’
(HP, Guillot 1864, F. – Eltern unbekannt) x
‘Madame de Loeben-Sels’
(HT, Soupert & Notting 1879, Luxembourg. – Eltern unbekannt).

[Blüten von ‘Grand Duke Adolph de Luxembourg’ aus 1892 an ‘La France’ aus 1867, dies ist anachronistisch … welche Rose also Gillemot wohl an einem Zweiglein von ‘La France’ gesehen haben mag? Leider findet sich nichts weiteres …]

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Literatur – Die Frage nach den Eltern, Teil 3

Graham Thomas, 1994: In 1859 'Victor Verdier' appeared, and this has sometimes been called the first Hybrid Tea. From this and 'La France', raised in 1867, a small group of varieties were raised, carrying strong Tea influence into the Hybrid Perpetuals.
[Übers.: Im Jahr 1859 erschien ‘Victor Verdier’, und diese wurde manchmal als erste Hybrid Tea genannt. Aus dieser und ‘La France’, die 1867 gezüchtet wurde, wurde eine kleine Gruppe von Varietäten gezüchtet, die einen starken Tee-Einfluss in die Hybrid Perpetuals trugen.]
[The Graham Stuart Thomas Rose Book, Nov. 1994, S. 139, 149.]

Die Hybrid Perpetual (HP, Remontant-Rosen) sind schon Kinder(Kinder) fernöstlicher Importe, welche in ihren Eigenschaften offenbar bis heute leitend zu sein scheinen. ‘La France’ ist nur eines dieser Kinder. Die konkreten Eltern dieser einen Sorte sind nicht im geringsten relevant!
Es wäre gewiss schön zu wissen, schreibe aber die Geschichte nicht anders, vollkommen gleich, welche Eltern auch zum Vorschein kommen mögen: ‘La France’ steht im Kontext der Importe aus Fernost; wenn man einen »Wendepunkt« sucht, dann mag man meinethalben – zeitlich indifferent – diese Importe benennen. Dies gelte auch für ‘Victor Verdier’, deren Eltern bekannt sind.

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Kritik – Teil 2

Entsprechend irrelevant ist es auch, was Modern Roses 1993 meint, wiederholen zu müssen, Modern Roses 10, April 1993, S. 294.
Erwähnt wird die Meinung von Guillot, dass ‘La France’ ein Sämling von ‘Mme. Falcot’ sei (mitunter auch aufgeführt als eine im Dunkeln liegende Kreuzung: »Unbekannter Sämling x ‘Mme. Falcot’«). Erwähnt wird ebd. auch die immer mal wieder auftauchende Spekulation, ‘La France’ könne doch eine Kreuzung von ‘Mme. Victor Verdier’ x ‘Mme. Bravy’ sein. Offenbar sieht selbst Guillot dies nicht so … was aber keinen Experten auf der Suche müde werden lässt, derlei immer wieder als Möglichkeit in den freien Raum zu werfen.
Soll sich doch die Genetik damit rumschlagen! Für die Kulturgeschichte der Rose sind und bleiben die Elternteile dieser einen Sorte nebensächlich. Das Wissen um die Eltern würde unsere Köpfe nicht entscheidend füllen …

Anstatt das Zitat des Zitierten … erneut zu zitieren, können wir sagen: Eltern unbekannt.

Die folgende Frage führt zwar auch zu nichts, ist aber anregend, Grundsätzliches zu denken:

‘Victor Vedier’, 1859 …

Roses of America, August 1990, S. 86, wo genannt wird, was auch Graham Thomas 1994 wiederholte (s.o.), dass some people meinen, ‘Victor Verdier’ sei die original hybrid tea. »The First HT« – nun also aus 1859?
Warum nicht!

1859 als neues Stichdatum einer rund 100 Jahre später auf den Plan tretenden »Neuordnung der Rosen«?

Bei dieser Sorte wäre wenigstens die Elternfrage vom Tisch: ‘Jules Margottin’ (HP aus 1858) x ‘Safrano’ (Teerose aus 1839) gebaren das Nüsschen für den Wendepunkt in unserer Kulturgeschichte der Rose: ‘Victor Verdier’, 1859! Entdeckt auf dem Felde von Lacharme, Frankreich! Er lebe hoch!

Dass es nicht 1859 wurde, dies wird nun nicht erklärt, sondern lapidar angemerkt, but the rose generally accepted as being the first is ‘La France’ (…)
[Übers.: aber die allgemein als die erste (HT) anerkannte (angenommene) Rose ist ‘La France’]. Es folgen die zähen Spekulationen über die mutmaßliche Abstammung dieser Sorte.

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Literatur – Wege von »ist möglich« zu »bekanntlich«

Nach dieser Verlautbarung einer vermeintlich »allgemeinen Meinung«, dass ‘La France’ »The First« einer neuen Rosenklasse sei [»Hybrid Tea« (»Edelrosen«)], führt der Autor nach einer kleinen, sorteneigenen Lob-Hymne (kritischer diesbezüglich unterwegs: Geduldig / Gillemot!) die Gedanken der Leser zu einer Retrospektive für ein zweites Kanon, das bis heute in unseren Köpfen aktiv ist: It is here that the craze for modern roses started.*

[Übers. und Herv. von mir: »Hier begann die Begeisterung für moderne Rosen.«]

Der erste Schritt erscheint einfach: ‘La France’ wird als »The First« einer (neuen) Rosenklasse bestimmt (obgleich diese Aussage bis heute strittig ist) … um sogleich in einem kleinen Satz aus sieben Wörtern den gigantischen Bogen zu spannen zu einer rund 100 Jahre später auftauchenden Neuordnung, in der diese Rose sogleich »The First« einer frei erfundenen Rosengruppe namens »Moderne Rosen« wird, die alle Rosenklassen neu ordnet … und darüber die gesamte Rosenkultur umschreibtdurch welche Art »Begeisterung« auch immer motiviert.

Diese »Begeisterung« schrieb nicht nur diese vereinfachende Lehre über die Entstehung der »Hybrid Tea« als neue Rosenklasse in die Geschichtsbücher – vielmehr im entzückten, zügellosen Galopp über Stock und Stein gleich die gesamte Kulturgeschichte der Rose neu. Gebastelt wird im ersten Schritt eine neue Klasse, im zweiten eine Epoche, für die gleichfalls gelte: generally accepted (…) the first is ‘La France’.

* [Fussnote überspringen]

Nun mag man das amerikanische »modern roses« im Jahr 1990 schon in »Moderne Rosen« übersetzen. Eine freie, jedoch mögliche Übersetzung, obgleich auch die englische Sprache die Großschreibung kennt, wenn die Neuordnung aus 1967 explizit gemeint sei. Die Frage aber bliebe dieselbe: Was – um alles in der Welt – benennt der Begriff »modern / Modern«? Möglicherweise einen Stil, einen Geschmack, ist es eine Frage an unserem Selbstverständnis und an unseren Willen, uns von unserer Geschichte zu unterscheiden?

Möglicherweise stellt dieser Begriff an erster Stelle an uns die Frage nach der Logik der Begriffe, die wir nutzen! Haben wir die Struktur unseres Denkens im Kopf, dann erst können wir Wörter – nachvollziehbar und begründet – mit Inhalten füllen, begrifflich bestimmen oder definieren und mit solcherart Begriffen Zusammenhänge deutlich machen und erkennen. So indessen ist »modern« in der Lektüre nur ein Wort mit allerlei diffusen Assoziationen. Oder wissen Sie zu sagen, was der Autor uns mit »modern« mit auf den Weg geben will – und welche Art »Begeisterung« hier das Wort ergreift, um die Geschichte der Rose neu und für sich zu definieren?

Anmerkung zur Ordnung von Rosen (mit einem sich anfügenden Gedankenspiel): Die Zuordnung von Rosen zu Klassen erfolgt nach Regeln der Übereinkunft über die Eltern der Sorte – insoweit die Eltern bekannt sind – oder über den Phänotyp, insbesondere dann, wenn die Eltern unbekannt sind. Aber selbst die Zuordnung den Regeln nach (über Eltern, Gene) bleibt mitunter unbeachtet, wenn dem Auge des Betrachters eine andere Zuordnung zu einer Klasse zweckmäßiger erscheint. Offizielle (bis wissenschaftliche) Ordnungen und die Ordnungen des Rosenmarktes sind zweierlei.

Inwieweit die Ordnung »Alt | Modern« noch eine brauchbare, offizielle Ordnung ist oder eher eine Ordnung des zeitgenössischen Marktes, bliebe zu erfragen.

Die bestehenden Klassifikationen der Rose sind schließlich durch die Rosenzucht selbst und deren Geschichte noch nie eindeutig gewesen – und auch nicht im Nachhinein eindeutig zu machen. Geschweige durch eine zeitliche Definition zweier Sammelbegriffe. Dies betrifft auch die Geschichte der »Hybrid Tea« – und deren Relevanz für die Kultur dieser Pflanze.

Man mag sich dem Gedankenspiel hingeben, dass die Eltern von ‘La France’ bekannt würden und diese Sorte – den Regeln der Übereinkunft folgend – als »China-Hybride« geordnet werden müsse. Dann bliebe für die Vertreter einer The First als [Zitat:] Wendepunkt der Kulturgeschichte der Rose [sic!] nur noch das übrig, was ohnehin als Maß der Dinge herhalten muss: irgendein lauter Geschmack und seine geradezu sprachlose »Begeisterung« … für eine schnöde, große und hochgebaute Blume. Denn deren saisonal wiederholte Blüte kann nicht das Maß der Dinge sein, die findet man bei den China-Rosen selbst und weit vor ‘La France’ in allerlei Kreuzungen – wie diesen Blütentyp im Übrigen auch – und den mitunter etwas spärlich erscheinenden Wuchs von Sorten.
Ein diffus geratener Blick, so erscheint es, auf eine ebensolche Blüte eroberte den Markt … und schreibt die Rosengeschichte um. Zeitgeschmäcker definieren für sich eine der ältesten Kulturen einer Pflanze – bis heute.

Wie können Liebhaber/-innen der Vielfalt der Rose hier nur mitgehen?

Wie können wir einen Keil in die Geschichte der Rose treiben und von »Alten« und »Modernen Rosen« reden? Weil »romantisch« und »modern« zu sein Spaß macht?

[Ende Fussnote]

Auf S. 89 – wie es bei einer vermeintlichen »The First« wohl dazu gehört – ein ordentliches Bild von ‘La France’. Dies geht in Ordnung und ist stets schön zu sehen.
Der beigefügte Text indessen zum Bild schreibt aus jenen wagen Meinungen und Spekulationen zur Rose und zur Geschichte, die auf S.86 als eben solche noch schwach erkennbar waren, im Kopf des Lesers dann doch vermeintliche Fakten, zackig, in heute üblicher Kurzschreibweise:

Hybrid Tea
Guillot Fils, 1867
‘Mme Victor Verdier’ x ‘Mme Bravy’
(…) Considered the first hybrid tea

Übersetzen wir »considered« als »bekanntlich« oder gar als »wohl überlegt«, bleibt kein Raum mehr für »maybe … possibly … allegedly«.

Diese Kurzform behält und zitiert sich wunderbar einfach.

‘La France’ müsste korrekt “La France” heißen, eine Fundrose auf dem Acker von Guillot: Eltern unbekannt. Stattdessen erscheint diese Rose im Jahr 1990 als Ergebnis einer gezielten Zucht – mit bekannten Eltern und einem »considered the first«. Die Vorreiter dieses Irrtums, auf die sich der Experte berufen mag, finden sich rasch:

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Literatur – »The First« und eine »great army«

Diverse Wiederholungen erzeugen vermeintliches Wissen, man muss nur penetrant sein, selbst das Zitat des Zitierten wiederholen (und als »Experte« wirken):

La France the first of the great army of Hybrid Teas (…) introduced by Guillot fils, its parents being 'Madame Victor Verdier' and 'Madame Bravy'. Punkt!

[Aus: The Practical Book of Outdoor Rose Growing for the Home Garden, Second Edition, April 1915, S, 34.]

Eltern unbekannt?

Wenn über Jahrzehnte derart vehement eine Sorte beschrieben wird, können wir sagen: Spätestens jetzt wissen wir Bescheid?

Hier finden wir die Vokabel »the first« gar bummelig 50 Jahre vor »The First« irgendeiner amerikanischen Rosengesellschaft – und »the great army« eines Geschmacks, der die Kultur dieser Pflanze zu überrollen scheint. Kritische Stimmen eines Geschwind oder Gillemot? Da ist jede Vermarktung und jede »Liebhaberei« lauter – immer schon! Was man nicht kennt, sieht man auch nicht (frei nach Goethe) – dann kann man es auch nicht lieb haben … und ordnen.*

* [Fussnote überspringen]

Es ist eine nicht aussterbende Macke des Menschen, stets einen »exakt definierten Anfang« benennen zu wollen – von was auch immer. Dabei benennt die Literatur selbst den Rahmen, in dem auch diese Sorte “La France” steht: Die Frage nach der Entstehung der Teehybriden. Diese Frage mag man, je nach Definition, ab 1815 aufwärts sehend beantworten. Hier streiten sich die Experten mit ihren Definitionen bis heute, von der Bestimmung von Genotypen angefangen bis zu den Positionen, die sich lieber leiten lassen von dem, was dem Auge des Betrachters gefällt.

The First ist eine in den Raum geschmissene Vokabel, die gerne gelehrt und gelernt wird, weil sie einfach macht, was nicht einfach ist: Die Geschichte der Rosen. Ob man die eigene Beschreibung eines Auszugs dieser Geschichte in der Frage nach den »Hybrid Tea« bei irgendeinem Datum beginnen lässt, oder bei dem Versuch einer nachvollziehbaren Charakterisierung einer »Hybrid Tea« … ist und bleibt für den Autor wie für den Leser eine Frage nach den begrifflichen Bestimmungen / Definitionen, die verwendet werden; hierin wird rasch deutlich, dass die »Hybrid Tea«, einschließlich der Rose von Guillot (fils), nur als Kontext zu haben ist. Und dieser Kontext beginnt mit der Einführung von Gartenformen aus Fernost im späten 18.Jh.. Mit den ersten China-Hybriden, den Noisette, den Bourbon, den Remontant …

Hier aber ist ein exaktes Datum mit einer »The First« nicht auszumachen – was offenbar der menscheneigenen Macke nicht gefällt.

Irgendein halbblindes Auge irgendeines beliebigen Geschmacks, weder das Auge von Autoren älterer, noch das Auge von Autoren neuerer Literatur, sollte die Geschichte der Rose – und sei es auch nur diese kleine Geschichte der »Hybrid Tea« – neu schreiben dürfen mit einem vermeintlich allgemein akzeptierten Ergebnis: Ein Sämling unbekannter Herkunft wird dann allzu rasch zu einer Kreuzung gezielter Zucht und ein Blütentyp zum Wendepunkt nicht bloß der Geschichte der anvisierten »Hybrid Tea«, vielmehr der Rosenkultur im Ganzen. Wie konnte es sich durchsetzen, dass die Betrachtung einer einzelnen Rose die ganze Kulturgeschichte dieser Pflanze auf den Kopf stellte?

Kein Wunder, dass nicht nur mein eigener Garten hier nicht mitgeht …

Diese Oberflächlichkeit bei der Auslegung der Geschichte der Rose aber schreibt sich die Literatur und der Markt bis heute gefällig zurecht. Die Ergebnisse sind gehaltlose Mythen der Rosenkultur … Mythen mit einem Tunnelblick auf Rosen und Kultur. Dieser beschränkte Blick sieht am Ende seines Tunnels nur noch die von ihm selbst in Stein gemeißelte Zusammenfassung von »Alt und Modern«: Ein Konstrukt, das wir nur in unseren Köpfen finden.

Mit Vielfalt, Kultur und der Rose selbst hat diese Tunnelfahrt nichts zu schaffen.

[Ende Fussnote]

S. 57 ebd. dann doch noch knapp eine höfliche Anmerkung für eine möglicherweise anvisierte Kultur dieser Sorte im eigenen »Home Garden«: (…) especially good in dry, hot weather (…). Der Laie liest und staunt: Hier vereint sich in meiner Lektüre Theorie und Praxis in gesuchter Vollendung! Einfach, klar, lern- und umsetzbar: ‘La France’, The First, sonnig pflanzen. Die Quintessenz für Onlineshops, Homepages und hochpreisiger Literatur – bis hin zu Informationsportalen und Datenbanken aller Art: ‘La France’, The First … Modern Rose … »Liebhabersorte« …

Andere »Experten« sind mit ihrem und dem Zeitgeschmack noch unbefangener unterwegs. The Rose Garden schreibt 1903:

La France among the best roses of the 1860s (…)
beautiful pale peach, rose centre, very large and full,
very free blommer; a fine bedding and decorative Rose.
Useful for all purposes, extra fragant; growth vigorous.*

* The Rose Garden (Tenth. Ed. 1903), aus 1910, S. 192, 328; Herv. im Original.

Also ernsthaft, selbst 1903, im Schwung einer gewissen »Begeisterung«, ist »growth vigorous« anders zu bestimmen als anhand solcher Sorten … selbst im Verkauf!

Die nicht ernsthafte Empfehlung meinerseits: Kaufen Sie lieber »Neuheiten«!

Diese »Empfehlung« finden wir in einer Vermarktung der »Hybrid Tea« von (nennen wir ausnahmsweise das Datum) 1867 bis heute: Kaufen Sie lieber »Neuheiten«!

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Kritik – Teil 3

Das Magazin Country Life in America, Mai 1907, S. 102, ordnet ‘La France’ unter der Überschrift THE BEST ROSES FOR OUTDOOR CULTURE By AARON WARD [sic], merkt allerdings zu ‘La France’ an, dass diese original »Hybrid Tea« sich zwar noch [auf dem Markt] halte, jedoch besser unter Glas als im Freien stünde.

Offenbar gab es 1907 schon einige »Verbesserungen« dieser »ursprünglichen Hybrid Tea« … und ein Abflauten der ersten »Begeisterung« … aber doch ein ansteigendes Bewusstsein für die Relevanz dieses Blütengeschmacks und demnach für diese Klasse der »Hybrid Tea (›Edelrosen‹)« für den Markt; siehe beispielhaft weiter: Report of the Third International Conference on Genetics 1906, erschienen 1907, S 449: The Hybrid Tea roses, which at the present time stand second to none in general estimation as garden roses, are as a class of comparatively recent introduction (…)

Beachtlich ist, wie selbstbewusst diese Liebeleien unterwegs sind: Diese Fokussierung irgendeines unreflektierten Geschmacks auf einen »Blüten-Stil« sieht sich im allgemeinen Kontext von »garden roses« – und wegweisend für eine ungewisse Zukunft der Kultur dieser Pflanze!

Als ob diese Liebeleien das Aufblühen von »Edelrosen-Rabatten« der folgenden Jahrzehnte erahnt hätten … die »Adenauer-Rosen« … und die Daumen-Fotos im zeitgenössischen »Onlineshop«, die brillanten Hochdruckfolianten der bemühten Rosenliteratur, als ob diese Protagonisten all diese Kinder und Kinderkinder geglaskugelt hätten aus irgendeiner halbgeöffneten Knospe von ‘La France’ … Blüten im Stil von.

Bekanntlich erzeugt und erhält sich der Markt mitunter selbst …

Unter der wohl schon damals abgenutzten Überschrift The Queen of Flowers, Floral Life, Ausgabe v. 15.01.1903, S. 12, schreibt Edwin Lonsdale: La France [sic] is not so much in demand as it was ten years or so ago before American Beauty became more plentiful, but it may still be had in limited quantity.
»More plentiful ‘American Beauty’« …

Rosenzucht und Markt bedienen bis in unsere Tage diese Liebhaberei …

Keine Ahnung, ob diese Geschäftsbeziehung am Ende etwas mit der Kultur von Rosen zu schaffen hat:

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Literatur – Schluss

The original La France has petals reflexed, whereas, those of the new variety, to be known as “Becker’s Ideal”, are decidedly more cup shaped, and the color is distinct from the original, though a delicate pink yet of a brighter shade. The indications are that it is quite likely to prove valuable. [Floral Life, ebd.]

Tausende »Becker’s Ideal« gegen the original La France

Die Kinder und Enkel irgendeiner ‘La France’ sind mitunter gnadenlos … am Ende erscheint ihre The First bestenfalls als altes, noch zu ehrendes Original …
Dieses Schicksal freilich erleidet durch solcherart Brillen der »Liebhaberei« gesehen auf kurz und lang jede noch so neu und perfekt daher schwadronierte Rose: Morgen? Morgen bist auch Du »altehrwürdig«. Du bist »erneuert, verbessert, vereint«!
Es scheint so, dass die Kultur der Rose nicht bummelig 2500 Jahre alt ist, sondern 2300 Jahre: Die letzten 200 Jahre hat sie sich verabschiedet zugunsten einer fortlaufenden, nicht enden wollenden »Verbesserung« irgendeines diffusen Geschmacks, sodann eines noch diffuseren »Alten«, das der Liebhaberei mal Nippes, mal Antiquität sein soll. Je nachdem, wie es der Anschauung der eigenen Zeit mit ihren Akteueren beliebt.

Dabei schreit The Rose noch 1880 in die Welt, was rückblickend bald als blauäugig, zugleich aber als richtungsweisend zu kommentieren ist:

LA FRANCE (…) one of the most beautiful of all Roses.*

* [The Rose, History, Kinds, Culture and Use, 1880, Annex S. 51; Herv. im Original.]

Diese schöne, kleine Welt der »Edelrose« … mit ihren Zeitgenossen … Wehe dem, der diesen Blick auf Rosen in unserer Kultur nicht teilt …

Anderseits ist selbst in dieser kleinen Liebhaberwelt der »Hybrid Tea« heute diese most beautiful of all Roses bestenfalls für den Sammler eine »Must-Have« … vielleicht noch ein lukratives Produkt voll angepriesener »Nostalgie« für gedankenbefreite Alles-Verkäufer, die losgelöst von Skrupel dafür sorgen, dass diese »The First« über den Vertrieb im Garten zeitgenössischer Liebhaber/-innen landet – und auch die erste ist, die wieder aus diesen Gärten verschwindet …*

* Die von mir hier kleingeredete »Liebhaberwelt der ›Hybrid Tea‹« (als ein Teil der Rosenkultur), beschreibt heute immer noch eines der größten Segmente im Rosenverkauf; dies führt dazu, dass regelrechte »Edelrosen-Schwemmen« über den internationalen Markt hinweggehen mit Sorten, die mitunter eine Standzeit im Garten von weniger als zwei Jahren haben – wider besseren Wissens angeboten werden sie dennoch … und gekauft.

Einige lose Zitate der Zeit mehr:

La France (H.P.) is quite a new style of flower, and will, I believe, become very popular as a garden rose. (…) The petals and flowers are large, and the plant, which is apparently of free growth, produces an abundance of flowers in quick succession. [The Florist and Promologist, Magazin, Januar 1869, S.9, Herv. im Original.]

Man beachte, dass diese frühen Experten ‘La France’ noch unter »H.P.« führen, Hybrid Perpetual. Im Vokabular noch nicht auf der Höhe ihrer Zeit; da muss 1893 die königliche Akademie der Briten noch ordentlich nach-definieren und die Amerikaner legen zwei Generationen später noch ordentlicher was oben auf, auf diese Geschichts-Definitionen! Der Blüte aber wegen – und der Blüte allein in ihrer Betrachtung wegen – läutet ‘La France’ alsbald nicht nur die Geburt einer neuen Klasse ein, vielmehr jenen magischen Wendepunkt in der Kulturgeschichte der Rose, der offenbar im linken oder rechten imaginären Aug schon damals verspürt wurde:

Große, gefüllte Blüten, die an einem Strauchlein unermüdlich in der Saison erscheinen, schreiben Rosengeschichte!

Wie schön! Wie »modern« gedacht! Wie schlicht! Wie »einfach«! Werbung, die dieses Strauchlein verstanden hat, ist bis in unsere Tage erfolgreich.

(…) and altogether we believe that the raiser's anticipations, as to its being one of the best flowers of the year, will be correct. [The Floral Magazin, 1868, S. 399f..]

Die spärliche Kritik an ‘La France’ ab den 1868er Jahren sei hier nur am Rande bemerkt ( (…) not so good as Baronesse Rothschild (…), The Floral World and Garden Guide, Juni 1869, S. 187).

Erinnert sei an die einleitend genannte Kritik von Gillemot aus 1915, dass ‘M. Caroline Testout’ die empfehlenswerter Sorte sei …

Solche Anmerkungen zu einer Rose verhallen bis heute ungehört bei den Gloria singenden Verfechtern rund um eine, um ihre The First … falsch zwar aber laut singen sie, furchtbar laut und immer laut.

Dieser Zeitgeschmack fasste am Ende groß zusammen, was er noch nicht einmal im Blick hat.

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Kritik – Schluss

Es verwundert nicht wirklich, dass insbesondere Nutzniesser der Neuordnung aus 1967 gekonnt um diese Geschichte und Geschichten herum lavieren, um den Lesefluss zu dem zu führen, was als generally accepted behauptet wird.

Ändert der Austausch des Datums 1867 mit 1859 auch nichts an der Willkür dieser Zuordnung von Klassen zu irgendwelchen Gruppen, so lese man zumindest heraus, dass in dieser Neuordnung einer 2500 Jahre alten Geschichte ein wahrlich und bestenfalls als »Prototyp« [vgl. Kordes] zu bezeichnendes Röslein samt spekulativer Abstammung und Geschichte die Galionsfigur (»figureheads«) heutiger Rosenkultur ist.
Ist das allein betrachtet nicht schon gruselig? Am Bug des Schiffs unserer Zeit hängt ‘La France’ … da fragt man zwangsläufig, wohin die Reise gehen soll

Der Markt springt auf jedes gewinnverheißende Pferd; und dieser Rosenmarkt mit seinen Protagonisten und seinen Frühstücksdirektoren, die allerorts als »Experten« herumschleichen, assimiliert gleichsam diese »Neuordnung« samt ihrer Beliebigkeit für die Durchsetzung höchst eigener Interessen in allen noch irgendwie »allgemein akzeptierten« Variationen: bis zum Höhepunkt dieses Dramas, inszeniert in der Vermarktung der »English Roses®« als »New Class« in unserer Kultur – Tragödien im Spiegelbild eines diffus geratenen »Alten«.

Niemand kann mir erzählen, dass diese herbeigeredeten, heute allerorts kursierenden Anglizismen in deren Verehelichung mit dem Vokabular einer verspäteten Deutsch-Romantik noch irgendwie verständlich seien! Moderne Rosen im Stil von …
Die Fach- wie die Alltagssprachen der Rose sind unbrauchbar geworden; sie taugen nichts. Da hilft nur noch still pflanzen und mit dem Finger drauf zeigen …

‘Esprit d’Amour’ Rosa virginiana Formgehölz Rose Rosa roxburghii

Dem Werdegang der Rose in unserer Geschichte kann ich kaum etwas abgewinnen, wenig, was mir noch »edel« zu nennen und von Wert erscheint, kaum etwas, was noch nachhaltig und beheimatet benannt werden könnte. Es ist Sorge angebracht hinsichtlich dessen, was heute alles noch im Raum des Möglichen erscheint und droht, Wirklichkeit zu werden; besorgt sein heißt, sich die Träume dieser fragwürdigen Liebhaberei bewusst zu machen, damit man diese zumindest für das eigene Glück meiden kann. Ich orakle voraus, dass die Rose in dieser Geschichte auf dem Weg ist, verloren zu gehen … wieder zu entdecken von klügeren Generationen, die sich besinnen, dass es einen unverdorbenen Boden voll mit Samen geben müsse, aus dem heraus Kultur und Rosen gedeihen …


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