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»Der Duft der ›Alten Rosen‹«

»Was dem einen nur riecht
ist des andern Duft.«

– Gedankensplitter.

[Quintessenz: Es gibt keinen »Duft Alter Rosen«, besonders nicht einen solchen Duft, der in den heutigen Sprachspielen (der Werbung) und in den gedanklichen Verknüpfungen (der Liebhaberei) stets ein »feiner« sei. Wenn man diesen Gruppen- und damit Sammelbegriff schon für eine Eigenschaft verwenden will, dann gilt immer auch schon das Gegenteilige: »Alte Rosen riechen«, um nicht zu sagen: sie »stinken«. Oder banal, dafür grundsätzlicher: sie duften halt gar nicht. Uns duften immer nur einzelne Rosen, mal so, mal anders, je nach Ausstattung der eigenen Nase und deren kulturellem Erbe. Ein Ordnungsbegriff indessen duftet per se nie! Also lassen wir doch besser dieses Gerede von irgendeinem »Duft Alter Rosen«.

Dies gelte dann auch für den vermeintlich natürlichen und buschigen Wuchs der sogenannten »Historischen Rosen«, die pauschalen Urteile über deren Blühverhalten – und letztendlich die schnittige Zusammenfassung zu einem ominösen Stil ›Alter Rosen‹: Ein furchtbar gehaltloses Gerede der Hirten einer omnipräsenten Vermarktung der Rose unserer Tage – und deren Lämmer: über 2500 Jahre Rosenkultur.

Der Lehre Teil zwei wäre dann ferner, dass nur die Werbung des modernen Rosenmarktes derlei wie ein »Comeback des Rosenduftes« orakeln kann, leider nicht nur sinnbefreit, wie wir es von der Werbung mitunter gewohnt sind. Nein, es kommt viel schlimmer: Dieses orakelte »Comeback« geht neuzeitlich mit der Gentechnologie Hand in Hand – und beschwört diesen »feinen, alten Rosenduft« notfalls aus der Retorte.

Die Gentechnologie ist auf dem Rosenmarkt im Aufmarsch. Mal sehen, ob die heiß umkämpfte Rosenliebhaberei am Ende gar die Toleranz zeitigt, eine unheilvolle Mischung aus Stiefmütterchen- und Rosengene als »Königin« kultivieren zu wollen.

Wer einen Weg und damit folglich nach Begrifflichkeiten sucht, um die Eigenschaften-Vielfalt und die sich wandelnden Verwendungen der Rose – sagen wir der letzten 200 Jahre – beschreiben zu können, sollte tunlichst die Begriffe »Alt« und »Modern« meiden, sie also nicht für dieses Vorhaben nutzen wollen: Ein Verständnis der Kultur dieser Pflanze vermitteln diese Begriffe samt deren einhergehendes Kauderwelsch auf dem Markt, in der Literatur sowie im Netz nicht. Alles das, was der Rosenmarkt und deren Vertreter weit und gern verbreiten, ist der Regel nach Kalkül, oft genug schlicht dumm und falsch – weit entfernt, ein Beitrag zur Rosenkultur zu sein.

Falls Sie anderer Meinung sein sollten, lesen Sie doch einfach weiter …]

Inhalt


Der »moderne« Duft einer beliebigen Ordnung

Gewiss ist, dass »Düfte« nicht das Kriterium der American Rose Society (ARS) waren, um »Alte Rosen« von »Moderne Rosen« zu unterscheiden.

Diese Ordnungsbegriffe wurden nicht er-schnuppert, sondern recht beliebig zeitlich gesetzt.

»Alte Rosen« fasst als Ordnungsbegriff die verschiedenen Rosenklassen zusammen, die bis 1867 schon auf dem Markt waren; »Moderne Rosen« fasst entsprechend alle Rosenklassen zusammen, die nach diesem gesetzten Datum entstanden sind – einschließlich aller, die noch kommen mögen.

Gehen wir wohlwollend davon aus, dass es das Ziel dieser Neuordnung war, uns eine bessere Übersicht über die Vielfalt zu geben. Das Ergebnis freilich dieses löblichen Ansinnens sind zwei der größten Ordnungsbegriffe, die der Mensch für die Rosenvielfalt jemals erfunden hat.

Beschränkte sich die vormalige Unterteilung auf Wildrosen und Kulturrosen, eine Unterteilung, die durchaus Sinn macht und gut begründet ist, lebt die Welt nunmehr mit einer Dreiteilung, die auf recht beliebigen, um nicht zu sagen: auf wackeligen Füssen steht und im Rückblick der Rosenkultur wenig genützt, eher geschadet hat. Denn dieses Begriffspaar dient weniger einer Ordnung, denn der neuzeitlichen Vermarktung der Rose.

Wollen wir den Ordnungsbegriff »Alte Rosen« nicht mythisch verklärt lesen, unterliegt er der Logik und den Regeln einer jeden Definition. Es ist ein Ordnungsbegriff, der bis heute nicht leicht zu lesen ist und dessen Nutzen doch stets – recht nüchtern und wachsam – zu erfragen bleibt: Hilft er mir denn wirklich, mich besser in der Welt der Rosen zurecht zu finden?

Hinsichtlich des Duftes versammelt diese Neuordnung in beiden Gruppen unzählige Sorten, die nicht duften – oder schwach duften; oder nicht verlässlich duften; oder für uns unangenehm duften: also »riechen«. Unter diesem Sammelsurium »Alt« finden wir demnach nur schwerlich einen »Duft«, der für all diese unterschiedlichen Rosen innerhalb dieser Gruppe charakteristisch wäre – und der stets nur zu unserem Wohlgefallen seine Moleküle in unsere Welt verströmt.

Macht man sich also die Mühe und liest die Definition der ARS von »Modern und Alt«, fragt man unweigerlich, welche neuzeitlichen Nasen sich offenbar nachträglich aufgemacht haben könnten, für uns diesen ominösen »Duft des Alten« zu identifizieren?

»Der Duft der Alten Rosen«, es ist Werbelatein. Insbesondere in dieser beigelegten Wertung, dass dieser »Duft des Alten« wohl einvernehmlich ein »feiner« sei: erstrebenswert für alle Nasen dieser Welt!

Dieses suggestive Werbelatein wird auch dann nicht wahrheitsgemäß, wenn wir wohlwollend »Duft« als vereinfachendes Singular für diverse »Düfte« dieser groben Ordnung lesen wollten.
Wohl aber finden wir unter »Alt« einzelne Sorten geordnet, die durchaus charakteristische Duftnoten haben; etwa den »Damaszener-Duft«, wie wir sagen, oder den »Duft des Mooses« der Moosrosen; freilich auch den Duft des Fuchses der Foetida-Sorten und des vergorenen Apfels mancher Spinosissima-Gene sowie dumpfe, bald Kopfweh erzeugende Moschus-Düfte, die als »tief und schwer« für manche Nasen euphemistisch beschrieben sind. Düfte, welche wahrlich schwer zu vereinheitlichen seien, sowohl hinsichtlich der Duftnoten als auch hinsichtlich der Bewertung durch die je eigene Nase, die nicht nur mit einer biologisch mitgegebenen, vermeintlich einheitlichen Ausstattung herumschnuppert, vielmehr doch geprägt ist von der Kultur, in der diese Nase halt beheimatet ist. Die Wahrnehmung von Düften und deren Bewertung wird erlernt und ist Teil des kulturellen Erbes. Dies gilt auch für die Deutung von Farben, wie es das Beispiel eines Geschenks von »gelben Blüten« zum Hochzeitstag anschaulich macht.
So nehmen wir auch den »Duft« nicht nur in unterschiedlicher Intensität wahr und sogar die Duftnoten in variierender Dominanz, vielmehr ist all dies in unseren Nasen und deren Kultur selbst lokalisiert – und kaum zu »objektivieren«. Auch wenn der Markt noch so bemüht zu »Duft« diverse Sternchen (*) verteilt, als ob hier ein Ergebnis von Feldversuchen vorläge …

»Der Duft der Alten Rosen« – derart vereinfacht auf den Markt getragen, da findet sich rasch die vermeintlich passende Gegenüberstellung: Der fehlende Duft der »Modernen Rosen«.

»Moderne Rosen«: Das zweite begriffliche Ungetüm der ARS, das ohne Not über die Rosenwelt gestülpt wurde. Das findige Werbelatein freut sich, denn es darf nun ganz offiziell unter diesen Namen »Modern« firmieren. Und das nunmehr seit bummelig 50 Jahren.

Dieses Latein vollbringt infolge das Kunststück, mittels einer hauseigenen und wenig reflektierten Sprache, in dieses eigene Sammelbecken der »Moderne« »den Duft des Alten« einzukreuzen. Derlei sind natürlich Verallgemeinerungen einer Sprache, die nicht nur der Werbung eigen ist. Der Mensch allgemein mag es gern einfach, obgleich es in diesem Fall wenig dazu beiträgt, ein Verständnis der Vielfalt der Rose und deren Kulturgeschichte zu bekommen. Die Werbung indessen liebt alles Einfache: »Der Wuchs der Alten Rosen« – in modernen Kreationen vereint – ist eine weitere Variation dieses Werbelateins, das sogar wenig Scheu zeigt, für uns einen imaginären »Charme« als Charakteristika des Ordnungsbegriffs »Alt« zu definieren – und ihn im eigenen Interesse zu vermarkten.

Diesem findigen Werbelatein nach wachsen »Alte Rosen« also naturhaft buschig, duften fein und versprühen allesamt einen vermeintlich charakteristischen Charme irgendwie pummelig gefüllter Blüten. Da haben wir die gesamte Pracht des »Stils der Alten Rosen« knackig für uns definiert bekommen. Freilich tüchtig mit dem Zusatz versehen, dass uns diese Blütenpracht und dieser »Duft des Alten« nur einmal in der Saison erfreut. Denn »die Alte Rose«, so orakelt das Werbelatein, blühe halt einmal; so ein Pech!

Ernsthaft: Wir finden hier wie da – in den Ordnungen der Rosen beliebig rauf und runter geschnuppert – alle möglichen Variationen von »Duft«: wie dessen Fehlen.

Es gibt kein Zeitalter der Duftrosen – oder von irgendwelchen »feinen Düften«; besonders nicht festzumachen an irgendwelchen Begrifflichkeiten einer amerikanischen Rosengesellschaft, die offenbar Spaß daran fand, mittels Sammelbegriffen die Rosenwelt in zwei Gruppen, respektive in drei Gruppen zu teilen. Sehr zur Freude kluger Verkaufsstrategen, die halt alles derart Verallgemeinerte lieben, weil es für ihre Zwecke vieles einfacher macht.

»Alte Rose« scheint allgemein beliebt zu sein, eine hübsche Projektionsfläche, wenngleich schlicht indifferent; irgendwie »geliebt«, jedoch nicht unbedingt im eigenen Garten. Auf diese etwas diffuse Liebhaberei eines irgendwie »Alten« nimmt die moderne Werbung gern Bezug! Da lassen sich selbst zu diesem gekünstelten Singular einer Alten Rose – als Vertreterin eines doch gigantischen Ordnungsbegriffs – recht schnittige oder »einprägsame« Formulieren für eine Vermarktung der eigenen Zucht, der »modernen Rose« finden. Die dümmste Formulierung des Marktes findet sich beim Züchter David Austin: Neue ›Alte Rosen‹. Für jeden Rosenkenner eine unglaubliche Hybris nicht nur in dieser Sprache.

Statt pauschal von einem »Duft der Alten Rosen« zu sprechen, sollten wir lieber konkret werden, die gemeinte Duftnote benennen und die Sorten, die diesen »spezifischen Duft« in seinen Nuancen für uns inne haben – unabhängig von der jeweils verwendeten Klassifikation, derlei stets nur abstrakte Sammelbegriffe sind.

Im Gebrauch einer Sprache, die es lieber nicht so genau nimmt, duftet uns gar nichts.

Salopper gesagt: Eine Neuheit, deren Blüten etwas nach »Moos« schnuppern, duftet der Nase etwas nach »Moos« – und nicht »Alt«. Und eine Rose, die »buschig« wächst und uns im Habitus »natürlich« erscheint, wächst uns ebenso – aber bitte doch nicht »Alt«. Und eine einmal in der Saison blühende Sorte ist nicht als »Alt« zu betiteln!

Mag es auch redundant sein, es sei jedoch wiederholt betont: »Alte Rose« ist ein (möglicher) Sammelbegriff einer (möglichen) Ordnung – und kein Eigenschaftskatalog. Was wir alles zu den Begriffen »Alt–Modern« assoziieren mögen, lässt uns im Irrglauben, 1867 markiere den Wendepunkt zu zwei verschiedenen Rosenwelten, die der Rosenfreund vergleichen, bewerten und vereinen könne. Wendepunkte gab es in der Geschichte der Rose viele; aber keiner dieser Wendepunkte macht eine Aufteilung der Rosenwelt in zwei Gruppen zweckmäßig, am wenigsten die im Vergleich recht gehaltlose Aufteilung in »Alt – Modern«, welche von einer amerikanischen Rosengesellschaft am Schreibtisch erfunden wurde, sich durchsetzte – und heute recht unbedarft und mangelhaft reflektiert im Gebrauch ist. Da erfindet der heutige Markt sogar – sich selbst nicht verstehend – allerlei »Gene« dieser beliebigen Rosengruppen und kreuzt für uns munter sogar unseren »Zeit-Geschmack« in »Kreationen«, derlei wir auch noch gutgläubig kaufen und pflanzen … es sind werbewirksame kleine Monster von Akteuren des Marktes, die sich rhetorisch selbst zum Papst dieser imaginären Rosenwelten krönen: Neue ›Alte Rosen‹?
Die Genetik schüttelt verständnislos den Kopf – und die arme »Liebhaberei«, die eine »Alte Rose« pflanzen will, wird unvermittelt zu einem echten Liebhaber gemacht – und kommt gar in Erklärungsnot, warum sie dennoch pflanzt, was diese Moderne doch längst schon vereint und verbessert hat …

In dieser Rhetorik des modernen Marktes hat offenbar die »gewöhnliche« wie die »falsche« Liebhaberei es viel leichter, Rosen zu finden, um ihre Gärten zu bestücken und sich selbst zu beglücken …

The Shrine, 1895 The Shrine, 1895. Quelle: Wikipedia.

Waterhouse

The Shrine, 1895 The Shrine, 1895. Duft »moderner« und »alter Sorten« um die Jahrhundertwende – bis heute.

Gemalt von John William Waterhouse (1849–1917).

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The Soul of the Rose, aka My Sweet Rose, 1908 The Soul of the Rose, aka My Sweet Rose, 1908. Quelle: Wikipedia.

Waterhouse

The Soul of the Rose, aka My Sweet Rose, 1908 The Soul of the Rose, aka My Sweet Rose, 1908.

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Maßlosigkeit und Übertreibung: unsere moderne Werbung

Werbung formuliert stets positiv und lobt gern und gern ihre Produkte über Gebühr: sie mag es zu übertreiben. Jegliche Art von Steigerungsformen sind willkommen, die sprachlich noch irgendeinen Sinn versprechen. Der Ausdruck dieser Maßlosigkeit ist bekannt und gewollt. »Reiner als je zuvor« – kennt man und glaubt es nicht. Denn noch »reiner« als »rein«? Also, sauber wäre auch schon gut. Stattdessen seit Jahrzehnten das Versprechen, es ginge gar noch »reiner«. Lassen wir der Werbung diesen Spaß!

Und wenn die Rosenzucht von heute uns erklärt, »den (feinen) Duft (Wuchs, Stil und Charme) der ›Alten Sorten‹« für uns Gärtner/-innen wieder entdeckt und als besonderes Merkmal in den eigenen »Neuheiten« eingekreuzt zu haben, vermischt sie ziemlich grob und etwas unredlich jene unglückliche Neuordnung aus 1966/67 mit den Eigenschaften einzelner Rosen – aufgerührt mit einem Zeitgeschmack, der alles mögliche ist, nur nicht objektiv und konstant. Und dieser Gedankenmix des Marktes mit seiner banalen Sprache verleitet uns dazu, nun selbst mit getrübten Blick in die Kulturgeschichte der Rose zu schauen – und unsere Gärten zu gestalten …

Die Erfahrung fehlenden Duftes finden wir bei allen Rosenliebhabern aus allen Epochen – und bei Rosen aus allen Rosenklassen! Bei den Züchtungen der jüngsten Vergangenheit jedoch scheint der Duft häufiger zu fehlen.

Diese Wahrnehmung, ob gerechtfertigt oder nicht, hat freilich mit irgendwelchen Begriffen, seien sie benannt »Alt«, seien sie »Modern«, nichts zu schaffen.

Insoweit diese Wahrnehmung fehlenden Duftes zeitgenössischer Rosen erklärbar ist und wir hierfür einen Namen suchen, müssen wir mit ungetrübten Blick selbst in die Kulturgeschichte dieser Pflanze gehen.

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Einen eigenen Weg in die Geschichte dieser Pflanze finden – mit ihren »Düften«, ihren Verwendungsformen, in ihrer Vermarktung

Der Weg in diese Geschichte verweist auf einen rasanten Anstieg der Vielfalt der Rose der vergangenen Jahrhunderte – und zu einem Wandel ihrer Verwendungen. Wachsende Vielfalt und neue Verwendungen der Rose fanden Ausdruck in neuen Bezeichnungen von Rosengruppen, die uns heute vertraut erscheinen:

Wie wir Rosen im Garten und Park verwenden und verwenden wollen und welche Eigenschaften wir darüber von den Sorten wünschen, dass sie ihre Aufgaben bestmöglich erfüllen, all dies hat seine eigene Geschichte und prägte immer schon die Bemühungen und Ziele der Rosenzucht, die Teil dieser Geschichte ist – und in der die Namengebungen neuer Rosengruppen ihren Ausdruck fanden.

Rosenzucht und Rosenmarkt sind Kinder ihrer Zeit und die Zucht bediente stets ihren jeweiligen Markt – und erzeugt ihn bis heute am liebsten auch selbst.

Dies zeigen zwei Beispiele deutlich auf: die sogenannten Bodendeckerrosen und die Schnittrosen; also die Rosen für Flächenpflanzungen und für die Vase.

Gehen wir also ein Stück weit in die Geschichte dieser beiden Rosensegmente – und spüren in groben Schritten der Verquickung von Liebhaberei und Markt nach. Da mag man zu der Erkenntnis finden, dass diese Begrifflichkeiten »Alt, Modern« ziemlich unnütz sind, um die Geschichte dieser Pflanze und deren Vielfalt zu beschreiben.

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Ein kurzer Ausflug in den Wandel der Verwendung der Rose und deren Betrachtung im Laufe der Zeit

Die Rosenzucht der jüngeren Zeit legte vermehrt Wert auf die Eigenschaften der Wetterfestigkeit und der Haltbarkeit der Blüten. Dies betrifft besonders diejenigen Verwendungen von Rosen, bei denen Blütenduft nicht die entscheidende Rolle spielt, etwa bei den sogenannten Flächenrosen (Bodendecker-Rosen), eine sehr moderne Verwendung der Rose, und es betrifft diejenigen Sorten für den Schnitt ("Vasenrosen").

»Bodendecker-Rosen« und »Schnittrosen« sind Kinder der Neuzeit.
Zierpflanzen in Privatgärten und das »öffentliche Grün« auch.

Die Anforderungen und Erwartungen an den einzelnen Sorten veränderten sich mit der Geburt der privaten Rosengärtner/-innen, die es vormals im Verlauf der Geschichte der Rose nicht gab. Das Aufkommen der ersten Privatgärten als reiner Schmuck- oder Ziergarten prägte die Rosengeschichte maßgebend. Zweckfrei Rosen zur puren Zierde auf die eigene Scholle gepflanzt: Was für ein neuer Luxus! Was vormals im adeligen Park für das Volk unzugänglich gepflegt und gehegt wurde, schickte sich an, »gemein« zu werden.

Die Nachfrage nach Zierpflanzen stieg explosionsartig, dass Anforderungsprofil an die Rosen selbst wandelte sich ständig, formuliert von den »neuen Rosenliebhabern« und »Garteninhabern« in einer beständigen, den Rahmen gebenden Veränderung der Garten- und Landschaftsgestaltung.

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Einige Schritte – grob gezeichnet

Die großen wie kleinen, ehemals vom Adel geführten Landschaftsgärten erhielten – nur scheinbar unvermittelt – ihre Entsprechungen in den aufkommenden, volksnahen »Schützenwiesen«: eigene Flächen für das gemeine Volk »in der Natur«, für eine zunehmend selbstbewusste, Erholung suchende Stadtbevölkerung. Die Gemeinsamkeiten von adeligem, traditionsreichem Park und der Erfindung namens »Schützen- oder Volkswiese« mag man hinsichtlich deren Funktionen verstehen: sich entspannen, sich vergnügen und »repräsentieren« zu können.
Der gesellschaftliche Wandel strahlte nicht zuletzt auch in der Nutzung der Natur mit solch neuen Konzepten aus. Selbst die für die breite Öffentlichkeit verschlossenen Parkanlagen des Adels öffneten sich zunehmend, zum Teil vom Adel selbst initiiert – und wuchsen zum »Volkspark«.
Die über Generationen gewachsenen und gepflegten Gärten der Klöster und Abteien, einerseits eingebunden in religiöser und philosophischer Spiritualität und zugleich doch aus »profanen« Nützlichkeitserwägungen betrieben, mit ihren imposanten Pflanzensammlungen und Pflanzenkenntnissen rund um Ernährung, Medizin und Heilkunst, diese Gärten verloren zunehmend an Bedeutung; ähnlich erging es dem »Bauerngarten« in seiner Funktion, die Ernährung zu sichern. Stattdessen gediehen repräsentative Privatgärten betuchten Bürgertums und blühten »zweckfrei« und selbstbewusst auf.
Die Zeit der »Pflanzenjäger« und Sammler sowie »Pflanzenschauen« weckte einen neuen Markt, der breit gestreut fast alle Bevölkerungsschichten umfasste.
Das Flanieren im eigenen wie im »öffentlichen Grün« fand in den Städten einen bescheidenen Anfang in gestifteten, ersten Alleen für diese frühen, doch recht tristen Straßen und Marktplätze der Städte. Zu diesen Alleen gesellten sich rasch die ersten öffentlichen Sitzbänke, Pavillons und Fußwege – und führten Schritt für Schritt zu dem für uns gewohnten »öffentlichen Grün« entlang von Straßen, Plätzen und zwischen Bebauungen verschiedenster Art.
Die kleinen, farbenfrohen Vorgärten in Reih und Glied des wachsenden Städtelebens mussten gleichfalls allererst »erfunden« werden – bis hin zur »Laubenpieperkolonie« des »Kleinen Mannes«, der seinen Platz einforderte inmitten oder nahe der Ballungsgebiete heutiger Zeit.
Das Begrünen der Großstädte heute: seien es öffentliche oder private Initiativen in Berlin, Hamburg oder New York, sind selbst im öffentlichen Raum »dezentralisiert« und äußerst kreativ unterwegs und sie zeigen weitere Schritte dieser heranwachsenden und sich stets wandelnden Tradition eines privaten und öffentlichen Gärtnern mit dem Wunsch, die ganze Saison über schmuckes Grün um sich zu haben – und es zu zeigen.
Dies sei stichwortartig für die Entdeckung des Gartens für jedermann aufgeführt. Und sei es ein »Garten in Töpfen« auf dem kleinen Balkon eines Mehrfamilienhauses.

Derlei Entwicklungen verlagerten den Blick auf überschaubare Strauchformen, farbenfrohe Blüten, auf ein Öfterblühen, auf »Neuheiten« und »Exoten« … für allerlei Ideen der Gestaltung mit Zierpflanzen aller Art.

Die Verwendung der Rose im öffentlichem Raum sind geschichtlich gesehen noch jüngeren Datums; solcherart begrünte, öffentliche und für jedermann zugängliche Räume sind eine Erfindung seit des frühen 19. Jahrhunderts, in denen die Rose erst spät Einzug hielt (…)
Dort eingesetzt müssen die Sorten pflegeextensiv, robust und – unmittelbar an der modernen Straße gepflanzt – tolerant gegenüber Abgasen oder Salz im Boden sein. Eine Selbstreinigung der Blüten wäre auch fein …
Rosenzucht und Rosenmarkt reagieren auf solcherart Entwicklungen bis heute.

Die Entstehung der Schnitt-Rose als bedeutsamer wirtschaftlicher Zweig spielte als drittes mit ein. Aus dem Hausgarten in die Vase ist das eine [Link zeigt Bilder aus der Viktorianischen Zeit]. Den wachsenden Markt nach Schnittrosen zu bedienen, ein anderes: Welche Rosenblüten lassen sich lagern und transportieren, sind diese Sorten für die Logistik moderner Produktion tauglich – und sind die neuen Sorten für den anspruchsvollen Kunden auch erfreulich haltbar? Die Zuchtziele anders zu gewischten als nach dem Merkmal eines Duftes (oder einer Frosthärte) war die Folge auch im Schnittrosen-Segment – und eine geschäftstüchtige Notwendigkeit.[*]

[*] [Fußnote überspringen]

Die Reaktionen des Marktes auf die Anforderungen der jeweiligen Zeit lassen sich anhand verschiedener Beispiele ablesen. Ein Beispiel bieten die damaligen Zuchtziele des Rosenzüchters Rudolf Geschwind.
Rudolf Geschwind [* 1829, Böhmen, † Karpfen] züchtete wunderbare Rosen; nur stark duften seine Sorten in der Regel nicht; selbst diejenigen nicht, denen wohlwollend »starkduftend« attestiert wird. Robust aber waren sie: Ein Zuchtziel, das Geschwind vehement vertrat. Warum er dies tat, führt weit in die Geschichte der Rosenzucht zurück.
Vor Einführung der China-Rosen war Frostempfindlichkeit kaum ein Problem in der europäischen Rosenwelt. »Erfrorene Rosen«, es ist ein Import aus Fernost von alten Gartenformen, die zuhause wunderbar zurecht kommen, mit dem europäischen Winter indessen nicht. Diese »Importe« zeigten jedoch Merkmale, die den heimischen Sorten unbekannt waren: verlässlich wiederholt blühend zu sein, reine Farbtöne der Blüten und kleinere als auch »kletternde« Strauchformen sowie »exotische« Duftnoten. Für die damalige Rosenzucht eine Herausforderung: Das Einkreuzen dieser Merkmale in die europäische Rosenvielfalt!
Mit Einführung der China-Rosen begann eine neue Ära der Rosenzucht und der Rosenkultur.
Die damals neu entstandenen Sorten erbten sodann auch wunschgemäß die Merkmale jener importierten Entdeckungen aus Fernost; Rosen hybridisieren ja ungeachtet ihrer Herkunft und Heimat sogar verwandtschaftsübergreifend wunderbar. So zeigten die »neuen« Sorten etwa die gewünschte verlässlich wiederholte Blüte in der Saison der »alten« asiatischen Gartenformen, deren Düfte und Blütenfarben sowie unbekannte Strauchformen. Aber leider zeigten sich auch deren unerwünschten Merkmale oder Eigenschaften: zum Beispiel eine erhöhte Frostempfindlichkeit der Neuheiten des damaligen Rosenmarktes.
Die deutlich formulierten Zuchtziele von Geschwind, welche sich vereinfachend zusammenfassen lassen: mit Hilfe robuster (heimischer als auch importierter asiatischer sowie nordamerikanischer) Wildrosen auch wieder robuste Rosen zu züchten, diese Zuchtziele sind eine Antwort auf eine Rosenzucht der letzten 100 Jahre, rückblickend aus der Sicht von Geschwind, seit Einführung der China-Rosen um 1800. Eine Reaktion auf eine vergangene Rosenzucht, die zwar Rosen hervorbrachte, welche hinsichtlich einzelner Merkmale wahrhaft spektakulär, ja mitunter sogar namengebend waren – bei den »Remontant-Rosen« etwa in ihrer Aufmerksamkeit erregenden Eigenschaft, wiederholt zu blühen. Sie zeitigte aber auch Merkmale, die weniger glücklich für den hiesigen Raum waren, etwa die vormals eher unbekannte arge Empfindlichkeit bezüglich Wettereinflüssen jeglicher Art bei einer Vielzahl der über Generationen gezüchteten neuen Sorten. So sind die Zuchtziele von Geschwind in einem kulturgeschichtlichen Zusammenhang verstehbar, in dem Antworten auf einen stetigen Wandel in der Rosenkultur gesucht und gefunden wurden: für unsere Lagen und unseren heimischen Garten wieder angepasste, »neue«, sozusagen »moderne« Rosen zu züchten.
In diesem kulturgeschichtlichen Zusammenhang stehen auch die rund eine Generation später ins Leben gerufene Allgemeine Deutsche Rosenneuheitenprüfung (ADR) und die besonderen Zuchtbemühungen in Kanada und Skandinavien.

[Ende Fußnote]

Die Schnitt-Rosen-Produktion ist heute weltweit ein Milliardengeschäft und erfolgt im industriellen Maßstab mit eigener Logistik, eigenen Zuchtprogrammen und eigenen spezifizierten Maßgaben einer »guten«, für den Markt tauglichen Vasen- bzw. Schnitt-Rose.
Man darf sagen, sowohl der Aufstieg der Schnittrosen-Produktion als auch der Aufstieg der Rose als Gartenpflanze für den privaten Bereich, erschwinglich und kulturell vertretbar für jedermann, sowie schließlich die Verwendung der Rose im öffentlichen Raum (in der Erfindung namens: »öffentliche Grünanlagen«) stellte an die Rosenzucht und an die Rose selbst neue Herausforderungen. Ein Wandel der Anforderungen an »modernen Sorten« – und deren Wahrnehmung.

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Angebot und Nachfrage – der Rosenmarkt erzeugt sich gerne selbst

Weil Rose auch Geschäft ist und immer schon war, reagieren Zucht und Verkauf auch immer schon nicht nur auf das, was (mutmaßlich) gewünscht und gekauft wird; mitunter werden sogar Nachfrageformen für Produkte allererst erzeugt – gleichsam am Schreibtisch erfunden, nach sorgsamer Analyse umworbener, potenzieller Kundschaft. Dies betrifft auch das Produkt »Rose« und deren Kommunikation auf dem Markt: Rosenvielfalt unterliegt den Gesetzen des Marktes. »Rosen« nehmen sich da nicht anders aus als meinethalben »Waschmittel« – oder andere Waren beliebiger Art.

Die Kulturgeschichte der Rose und deren Vermarktung lassen sich nicht trennen.

Die Rosenzucht hat dieser Entwicklung von Verwendung und Eigenschaftswünschen im Laufe der Geschichte vielfältig Rechnung getragen und der explosionsartige Anstieg der Sortenvielfalt der Neuzeit zeigt nun einmal auch solche Sorten, die, angepasst an die je bevorzugte Verwendung, z.B. weniger oder gar nicht mehr duften, dafür aber »marktkompatibel« andere gewünschte und bevorzugte Eigenschaften besonders gut können. Zum Beispiel haltbare Blüten für die Vase zu liefern oder sich selbst reinigende Blühteppiche für unzugängliche Flächen bei den sogenannten Bodendecker- oder Flächenrosen. Seien diese Rosen auch im »Volkspark«, längst einer Straße oder im eigenen Garten gepflanzt – oder als Blumenstrauß verschenkt: Duft ist für solche Sorten kaum entscheidend. Wenngleich unsere Wahrnehmung der Rose seit jeher dieselbe ist: über Auge und Nase.

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Unsere »naturgegebene« Wahrnehmung der Rose

Es scheint einer evolutionär gewachsenen und erprobten Praxis gleich, dass das, was man sieht, auch gerne der Nase zur näheren Prüfung überstellt wird. Fast reflexartig duften wir an Blüten; und wären wir kulturhistorisch etwas weiter zurück, vermutlich würden wir auch in sie beißen!

Auch wenn es etwas ungerecht erscheinen mag, bei diesen neuen Rosen der bemühten Zucht, es allen mit allem recht zu machen: (haltbare) Schnittrosen und (sich selbst reinigende) »Bodendecker im öffentlichen Grün«. Wir bleiben dabei: Rosen führen wir unweigerlich »prüfend« zur Nase.

»Heutige Rosen duften nicht (mehr)« ist ein recht vereinfachendes Urteil, wie dessen Umkehrung, »Alte Rosen duften«; vereinfachende Urteile über – damals wie heute – große Rosengruppen und unzähligen Sorten sowie deren Verwendungen.

Dass Rosenduft und haltbare Blüten von Natur aus nicht gut zusammengehen, erläutert der Text Der Duft der Rosen. Wir müssen uns noch etwas gedulden, wollen wir reichen Duft in einer haltbaren Schnittrose vereinen. Denn diese Eigenschaftskombination entspricht nicht der Natur der Rose.[*]

[*] Biologisch dient Duft dem Anlocken von Insekten, die sich Nahrung versprechen – und beim Besuch der Blüten dieselben bestäuben. Zum Beispiel via Fremdpollen, der an deren Pelz haftet. Für die Rose unglücklich wäre es, ihren Duft zu versprühen, die Blüte indessen lange Zeit geschlossen zu halten: Biologisch macht das keinen Sinn. Also, Blüten auf, Staubwedel und Narbe zurechtrücken und duften, was das Zeug hält: für das Anlocken von Fremdbestäubern aller Art. Nach erfolgter Bestäubung hat die Blüte ihre Aufgabe erfüllt – und reift zur Frucht.
Wir mit unseren Vorlieben interessieren der Rose dabei recht wenig; eigentlich gar nicht. Unsere Vorlieben sind der Rose sogar vollkommen egal! Da muss schon die Rosenzucht ran, um das Zweckmäßige der Natur zu überlisten, damit wir Kulturrosen in die Vase bekommen, die lange halten und unseren Wohnraum in purer Eigennützigkeit mit Duft erfüllen.

Wir können aus diesem kleinen Exkurs ein weiteres herausstellen:

Die Geschichte der Rose in ihren Verwendungen, ihren Wahrnehmungen sowie hinsichtlich ihrer Eigenschaften zu beschreiben, dafür sind die zeitlich definierten und beliebig gesetzten Sammelbegriffe »Alt« und »Modern« der ARS ungeeignet.

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Gentechnologie – und das Gerede von einem verschwundenen Rosenduft alter Zeiten

Liest man diverse Beiträge in Zeitungen und im Netz über den Duft der Rose, könnte der Eindruck entstehen, durch die moderne Zucht sei der Duft der Rose vorzeiten verloren gegangen – und es sei nunmehr heut die richtige Zeit, von einem »Comeback« des Rosenduftes zu orakeln.
Derlei findet sich werbetüchtig auf Verkaufsportalen ebenso wie in wissenschaftlich anmutenden Beiträgen rund um die Rosenkultur und – neuerdings – der Gentechnologien.

Weil der Mensch immer schon – und zwar evolutionär gedacht – gern überall die Nase rein hält (ist das Lebensmittel noch gut; mag ich den potenziellen Partner riechen …?), wundert es nicht, dass er es bei der Rose bis heute auch tut.

Die Rosenzucht aber brachte Rosen hervor, die auf besondere Aufgaben und Anforderungen des Marktes gezüchtet worden sind, wie an den obigen Beispielen der »Bodendeckerrose« und der »Schnittrose« ausgiebig erläutert. Insoweit also dieser kulturgeschichtliche Wandel der Rosenkultur bezüglich den gestellten Anforderungen an den Sorten und hinsichtlich einer bevorzugten Verwendung dieser Rosen der letzten 150 Jahre ausgeblendet wird, mag dieser erste Eindruck eines fehlenden Duftes heutiger Rosen stimmig und gar wegweisend erscheinen.
Derlei zu lesen etwa unter »G & V« [vom 12.07.2015], wo ein Herr Hugueney bemüht wird, der offenbar den Marktüberblick für diesen Artikel innehat: Der Duft der Rosen sei deshalb beinahe verschwunden, weil die Rosenzüchter sich auf die kommerziellen Eigenschaften von Rosen konzentriert hätten.[*]

[*] Wie so oft fehlt in solchen Artikeln nicht nur die eigene Recherche, vielmehr der eigene Gedanke – und die Kultur des Zitats. Der Quellennachweis des Zitierten ist das »Discover Magazin«. Punkt. Der Leser fragt: Welche Ausgabe denn, welcher Autor – welche Quelle(n) waren dort denn relevant? Wer ist Herr Hugueney?

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Die kommerziellen Eigenschaften von Rosen in der Rosenzucht

Laut jenem Herrn Hugueney ist offenbar die Zucht der Rose verantwortlich für den Verlust des Rosenduftes. Konzentriert auf die kommerziellen Eigenschaften von Rosen erscheint demnach ja das, was sich gut bei Rosen verkaufen lässt, mehr unsere Kultur der Rose und die Gestaltung unserer Gärten und Parkanlagen zu bestimmen, als wir es uns eingestehen wollen? Insoweit nämlich diese Zucht – markttüchtig gesehen – für diesen Markt ermittelt, was an mutmaßlich zu definierender Nachfrage gewünscht wird, um dann zu züchten, zu vermehren und zu vermarkten, sind offenbar diese »mutmaßlichen« Wünsche der Verbraucher Ursache des bemängelten fehlenden Duftes dieser neusten Generationen von Rosen im Garten, Park und Landschaft – und natürlich auch in unseren Vasen. Weltweit!

Und dies sehr erfolgreich, betrachtet man die explosionsartige Produktion der vergangenen 150 Jahre!

Oder könnte es nicht doch anders sein, als dass dieses ominöse »der Rosenduft ist verschwunden« ein Ammenmärchen ist und bleibt? Als dass es immer schon duftlose und duftende Rosen auf dem Markt und in den Gärten und damit auch unter unseren Nasen gab? Heute indessen reden wir von bummelig 30.000 Tausend Sorten für die verschiedensten Verwendungen, anstatt von 200 Arten und Sorten zur Zeit Josephines, versteckt in ihrem kaiserlichen Park … »alte« Rosen, welche, nebenbei bemerkt, auch nicht alle »dufteten«.

Dieses mysteriöse »Verschwinden des Duftes der Rose« ist heute – genau besehen – eine gefällige, zugleich alte und damit sich stets wiederholende Erfindung des Marktes, eine vereinfachende, jedoch beliebte Verkaufsstrategie, ein Märchen. Und – recht deutlich formuliert – es ist ein durchaus beliebtes Geplapper im Jammermodus, spiegle es doch die eigene Erfahrung mit Rosen wider – und nimmt jene geheimnisvolle Beschwörung eines »Comeback des Rosenduftes« der verkaufstüchtigen Portale dann auch freudig zur Kenntnis – und alle dürfen diesen von der »Moderne« wiederbelebten Duft dann feiern …[*]

[*] Siehe den Artikel Rosen sollen wieder duften, DIE ZEIT, November 1962, Archiv ZEIT ONLINE. Dieses »Comeback« kommt immer mal wieder »frisch« auf den Markt … Selbst im vermeintlichen Duft-Zeitalter der ›Alten Rosen‹, sprich im 19.Jh., finden sich Artikel dieser Art.

Die Kulturgeschichte der Rose hat sich gewandelt, nicht aber doch deren Eigenschaft zu duften.

Wenn man schon zitiert, liebes »G & V«-Magazin rund um Euer namengebendes »Gestalten und Verkaufen«, dann bitte unter Angabe der Quellen. Es ist eine Unsitte, es nicht zu tun.

Vergessen Sie einfach obiges »Magazin« und lesen Sie besser: Bild der Wissenschaft, ein Artikel von 2002, mit brauchbaren Quellennachweisen zum Stand der damaligen Forschung rund um den Rosenduft.
Wem dieser Artikel nicht aktuell genug erscheint, lese ihn wissenschafts-historisch und springe anschließend zu Entdeckung für das Comeback des Rosenduftes [Bild der Wissenschaft, 02.07.2015]. Dort finden Sie nicht nur jenes »Comeback» wieder, sondern auch einen Verweis auf die Arbeit der Forscher rund um die Rosen-Duft-Gene der heutigen Tage, nämlich in Science, Biosynthesis of monoterpene scent compounds in roses. Dort finden Sie auch jenen Herrn Hugueney …

Machen wir uns bitte nichts vor: Was in den Verkaufsportalen unter »Comeback« des Rosenduftes herumgeistert, es ist Werbelatein für den Verkauf. Dasselbe Latein ist neuerdings in der Wissenschaft präsent, dort als Werbung für die eigene Forschung:

Die Gentechnologie ist (auch) auf dem Rosenmarkt im Aufmarsch.

(Rosen-) Zucht und Genforscher werden sich auf kurz oder lang die Hand reichen. Ob wir das aktuell sehen wollen oder nicht. Verbal machen beide Akteure sich dergestalt jetzt schon kräftig den Hof – und die Umsetzung gentechnologischer Verfahren und deren Vermarktung wird nicht bei der blauen Rose im Schnittrosen-Segment ihr Ende finden.

Eine banale Weisheit des Marktes einmal mehr zitiert: Die Zierpflanzenindustrie lebt von Neuheiten – deshalb haben gentechnisch veränderte Blumen gute Chancen auf dem Markt.
[Stephen Chandler der Firma Florigene, die seit 1996 schon markt-tüchtig genetisch manipulierte Nelken vertreibt, in: Der Spiegel, 18.02.2008]

Nur exemplarisch zu lesen, neben Chrysanthemen, Fleißige Lieschen, Petunien, Weihnachtssterne – und der Rose: Inzwischen sind Freilandversuche für mehr als zwei Dutzend transgene Zierpflanzen genehmigt worden. [Adelheid Kuehnie, Pflanzengenetikerin der University of Hawaii. Ebenda.]

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Schlussgedanke

Wenn Sie duftende Rosen suchen, gleichgültig aus welcher Epoche oder aus welcher Zeit: Sie werden fündig werden! Und wenn Ihnen der Duft nicht entscheidend ist: Duftlose Sorten finden Sie auch – aus allen Epochen und Zeiten …

Was die Welt nicht braucht, weder heute noch in Zukunft, ist ein »Comeback des Rosenduftes« – und am wenigsten ein »Duft« via Gentechnologie!

Man lese etwa Dem Dauer-Schwelgen zum Trotz, Sprung zum Absatz: Gentechnologie und symptomatisch weiterer Unsinn.

[Fussnote]

Externe und kurz kommentierte weiterführende Links zum Thema Gentechnologie im Zierpflanzenanbau

Eine Rose unter Lizenz ist eines, eine (transgene) Rose aber unter Patent? Die Rosenkultur sollte Widerstand leisten, Rosengärtner/-innen sollten solcherart Rosen nicht pflanzen. Was nicht gekauft und gepflanzt wird, wird nicht weiter produziert. Wer solchen Entwicklungen gegenüber gleichgültig ist, versteht sich selbst nicht, seinen Garten nicht sowie die Kultur nicht, in der er beheimatet ist. Unsere Kinder sollten wieder unbedarft Rosen pflanzen können. Wir können dies heute nicht mehr.

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